Ehe und Familie: es genügt, die Papiertüten wegzulassen

1012450Im Winter gab es ja im Vorfeld der heute so richtig beginnenden vatikanischen Synode zu Ehe und Familie den berühmten „Fragebogen“. Ich möchte daran erinnern, dass manche versucht haben, das zu hintertreiben und von der Wirklichkeit so enttarnt wurden wie kleine Kinder, die sich eine Papiertüte über den Kopf ziehen und dann glauben, dass sie jetzt niemand sieht, nur weil sie selber niemanden sehen.
Die Wirklichkeit aber ist: die „Erwachsenen“ haben alles gesehen, nicht nur die Kinder, sondern auch die Welt.

Bei „uns“ in der Diözese St. Pölten haben ja tatsächlich nur 156 Menschen den Fragebogen beantwortet – also kein Bedürfnis und eh alles super, die Leute dumm, keine Ahnung und uninteressiert, richtig?

Die Wahrheit ist: der Fragebogen wurde von der Diözesanleitung – warum auch immer, mit Absicht, aus Unwissenheit und Fehleinschätzung, wegen verlorenen Kontakts zu den Menschen – praktisch verschwiegen, nur lieblos und umkommentiert auf eine Unterseite der Homepage gestellt.
Manche Pfarreien haben ihn in Eigenregie (denn aus der Diözese kam eben nichts) halbherzig aufgelegt – das heißt: in der Version, wie er ursprünglich an die Bischöfe raus ging, also mit Fragen und in Reihenfolgen, die für das Volk nicht sinnvoll zu beantworten waren (wie eben auf der DSP-Homepage).

Als Beispiel dazu die ersten drei Fragen im Wortlaut, wie sie Gläubige beantworten hätten sollen:

„1. Wie steht es um die wirkliche Kenntnis der Lehren der Bibel, um die Kenntnis von „Gaudium et spes“, „Familiaris consortio“ und anderer Dokumente des nachkonziliaren Lehramtes über die Bedeutung der Familie nach der Lehre der katholischen Kirche?
2. Wird die Lehre der Kirche dort, wo sie bekannt ist, ganz angenommen? Zeigen sich bei ihrer Umsetzung in die Praxis Schwierigkeiten? Welche?
3. Wie wird die Lehre der Kirche im Kontext der Pastoralprogramme auf nationaler, diözesaner und Pfarreiebene verbreitet? Wie sieht die Katechese über die Familie aus?“

Spart mir bitte jeden Kommentar dazu.

Viele (also die es WIRKLICH interessiert hat) haben den FB dann in überarbeiteter Form im Internet beantwortet, vornehmlich auf der Seite der Diözese Graz-Seckau, die fast schon absurd hohe Teilnahmezahlen hatte, eben wegen der Teilnehmer von außen. Dadurch ergaben sich dort auch 96 % für die Sakramentsteilnahme von Wiederverheirateten.

Also: die Papiertüte nützt nichts. Sie verhindert nicht, dass jemand gesehen wird. Sie hindert denjenigen nur daran, selber zu sehen.

Ziel dieser Vorbereitungssynode wäre also ganz einfach: Papiertüten abgeben.

„Manche nennen das Gott“

„Wir alle, Konsumenten, Zwangsgestörte und unbewusst Handelnde gleichermaßen, sollten keine Zeit und keine Verehrung mehr auf Götter verschwenden, die uns nicht retten können. Wir sind geschaffen, um die Luft zu atmen, die uns immer umgibt, uns nährt und erfüllt. Manche nennen das Gott.“
Richard Rohr

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„Religion“ Rapid: Von der Pfarrwiese zur Großbaustelle

 

Am Sonntag war ich mit meinem Sohn beim letzten Spiel in „St. Hanappi“, der „heiligen“ Stätte von Rapid Wien. Das Spiel war mäßig, die Show zu hektisch – daher viel Zeit, um Gedanken nachzuhängen, ohne sie groß fertig zu denken.

Da wurde zB so getan, als hätte die Geschichte Rapids mit dem Hanappi-Stadion (das in seinen ersten Jahren ja einfach West-Stadion hieß und erst nach dem Tod des Ex-Rapidlers und Stadion-Architekten Gerhard Hanappi dessen Namen erhielt) begonnen.

Dabei bin sogar ich noch auf die knapp 500 Meter entfernt gelegen gewesene „Pfarrwiese“ gegangen – und dort hatte immerhin ein gewisser Hans Krankl seine große Karriere begonnen. – Krankl übrigens abwesend beim Abschiedsspiel, „Terminprobleme“ – oder doch in seinen Augen nicht genug erwiderte Liebe seitens des Vereins? Es wird schon religiös …

Das „St.“ zum Hanappi hat, wenn ich es richtig im Kopf habe, Josef Hickersberger als Trainer erfunden während einer Saison, in der Rapid Meister wurde.

Und St. Hanappi, das ist für die Rapid-Fans wirklich religiöser Boden – und darüber soll man sich nicht lustig machen, finde ich.

Berührend und gleichzeitig erschreckend etwa, wie über die ganze Westtribüne handgearbeitete Vollflächentransparente mit fußballhistorischen Szenen gerollt wurden. Wer hat die Zeit, das herzustellen? Es ist wohl eine Facette der Arbeite- und Inhaltslosigkeit, die einem da entgegen tritt.

Nach Spielende dann absolute „Rapid, Rapid ist unser Leben“-Stimmung.

Was ist es, das einen Fußballklub zur scheinbar einzigen Bindung an das Leben macht?

Welche Mechanismen wirken, die einen Fußballklub wirklich zur Religion machen?

Was erwarten sich, was fordern die Fans (von „Fanatiker“!) von den Trägern ihrer Religion?

Was passiert, wenn das nicht erfüllt wird?

An die Stelle von „St. Hanappi“ kommt in ca. zwei Jahren (wenn alles klappt) das „Allianz-Stadion“, benannt nach und mitbezahlt von einer Versicherung.

Zeichen der Zeit? Worauf bauen die alle?

***

Nachtrag: anlässlich der WM und auch mit einem kleinen Blick nach Wien behandelte die Religionsabteilung des ORF nun das Thema auch – mehr hier!

Aber auch SO wahr!!

„Wer seine Vorstellung vom Glück mit dem eigenen Leben bezahlt, ist mit dem Begräbnis seiner selbst beschäftigt – oder lebt von dem, was andere nicht zum Leben kommen lässt.
Mit dem eigenen Kopf durch eine Welt zu gehen, in der es andere freie Köpfe gibt – ist das kein Glück?“

(Peter Eicher auf facebook)

Sonntag mittag

Zurück zur Normalperspektive

Vielleicht ist es mit dem Fotografieren so wie mit dem Leben.

Manchmal gehen wir sehr nah an die Dinge heran und entdecken ganz neue Perspektiven. Oder wir vergraben, verbeißen uns in Diskussionen – öffentliche über die Bundeshymne oder gleichgeschlechtliche Elternschaft zum Beispiel oder private über – nun: Privates.

Dann setzen wir wieder den Weitwinkel auf und suchen ungewöhnliche Bilder, wo sich die von unserer Auge fest gefügten Linien ein bisschen verziehen, auflösen.

Da tut es gut, wieder einmal auf die normale Brennweite zurückzugehen. So sind diese Bilder entstanden: normaler Spaziergang, wechselndes Licht, normale Brennweite.

 

Nicht reden, anschauen :-)

Die Balance zwischen Tratsch und Angstschweigen

DSC_0012„Der Prüfstein einer außerordentlichen Intelligenz“, so ca. hat es F. Scott Fitzgerald einmal geschrieben, „ist, zwei einander entgegen gesetzte Ideen gleichzeitig zu verfolgen und trotzdem funktionsfähig zu bleiben.“

Die heutige Evangeliumsstelle kommt da einmal recht unscheinbar daher und lässt sich auch so interpretieren und be-predigen, dass wir gefälligst hinaus gehen und verkündigen sollen und jeden Sonntag unbedingt in die Kirche. Doch allein, wenn man das hört, regen sich (bei mir) zwei einander widersprechende Impulse:

Impuls 1: ja, tu ich eh im Grunde – außer wenn das Wetter für Sonntag so schön angekündigt ist und mein Körper (der Tempel Gottes immerhin :-)) nach Bewegung ruft, da wird es dann die Vorabendmesse.
Impuls 2: langweilig, zu wenig, passt irgendwie nicht und auch das falsche Publikum.

Dann heute morgen vor dem Frühstück und der Sonnenrunde eine Konversation auf Facebook, die ich hier einfach (gekürzt) wiedergeben möchte:

ÖFFENTLICH

Sie flehte ihn an, sie wenigstens vor der Öffentlichkeit zu verschonen. Er habe kein Recht, das Wissen preiszugeben, das sie ihm allein anvertraut hatte. Und ohne ihren eigenen privaten Schutzraum könne sie gar nicht leben, abgesehen davon, dass die Geheimnisse ihres Lebens niemanden etwas angehen würden.

Er gab alles preis. Er verbreitete öffentlich, was sie in der glücklichen Zeit ihrer Beziehung unter sich ausgetauscht hatten. Die gerichtlichen Bescheide fielen dementsprechend hart aus. Mehr als alles andere hatte sie damals der Verrat des Vertrauens verletzt. Inzwischen hat sie ihren eigenen Garten schützen gelernt. Sie grenzt sich deutlicher ab und kann sich mehr und mehr verteidigen.

Das Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen gehört zum delikaten Teil unserer Geschichte – nicht nur im intimen Bereich der Beziehungen. Genauer besehen macht die Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen vielleicht sogar den entscheidenden Teil der modernen Geschichte aus. Denn einerseits ging es darin um die Eroberung der Menschenwürde mit dem Schutz der Privatsphäre – und andererseits um das Recht zur freien öffentlichen Meinungsbildung.

(…)

In dem heute öffentlich verlesenen Text steht geschrieben:

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Das Evangelium ging davon aus, dass alle Menschen von „Ich bin da“ gleichermaßen anerkannt sind – auch in ihren gegenseitigen Verstrickungen. Dieses Vertrauen in den Grund des Daseins, so die Zuversicht, werde die Menschenfurcht auflösen:

„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,26 ff)

Offenbar gehört beides zusammen: Die unbedingte Selbstachtung, welche das Eigene abzugrenzen und zu schützen weiß – und der Mut, ständig neu die Offenlegung von dem zu fordern, was alle angeht. Wenn „vor Gott“ nichts verborgen ist, dann gibt es nichts, was ich vor mir selbst geheim halten muss – und nichts Öffentliches, was den Mächtigen zu wissen vorbehalten ist. Dass ausgerechnet die kirchliche Hierarchie diese ihre ‚magna charta libertatum‘ in der Neuzeit lange verkannt hat, gehört zur tragischen Seite des Christentums.

Wir können die Angst vor der freien und kritischen Kommunikation verlieren, weil wir vom Grund der Freiheit ohne Vorbehalte anerkannt sind. Das ermutigt dazu, uns vor dem Zugriff auf diese Freiheit selbst zu schützen – auch durch die Kritik der „öffentlichen Meinung“.

Die Menschlichkeit entsteht aus dieser Balance.

P.E.

———

Thomas Pöll: Puh…. Da schließen sich so viele Fragen an, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann…. Und ja, aus der Balance entsteht die Menschlichkeit, das stimmt!!!!

P.E.: Thomas Pöll, Ich nenne mal wenigstens zwei von den „vielen Fragen“, die sich kaum vermeiden lassen: Der Nationalsozialismus wäre kaum möglich gewesen, wenn die Freiheit zur öffentlichen Meinung und die offene Disskussion im Parlament nach dem ersten Weltkrieg nicht von allen Seiten erstickt worden wäre. Von der konservativen Seite zum ständischen Schutz, von revolutionärer Seite zum Machtgewinn und von der liberalen Seite zum Schutz industrieller Privilegien. Und heute ist der Schutz des Privaten und das Recht zur öffentlichen Kritik von dem, was durch Kontrolle von NSA und anderen Sicherheitsdiensten den Kern der Macht bildet, aufs Äußerste bedroht – wenn auch auf noch kaum erkannte Weise. Trotz der vielen Fragen gefällt mir die Verankerung in einem inneren Bewusstsein, das sich vorbehaltlos anerkannt weiß – und sich demnach auch schützen und öffentlich verteidigen kann.

TP: Ja, PE, zum Beispiel. Ich bin auch sehr beeindruckt von den Beispielen aus dem, was sich – eben – Privatleben nennt. Wem vertraut man etwas an, das sonst „niemanden etwas angeht“ und was tut man, wenn es ans Licht gezerrt wird? Auf der anderen Seite: was ist das für ein Phänomen wie zB hier auf facebook, alle möglichen Dinge „bekannt zu machen“, zu trommeln? Dann natürlich: was ist mehr „Wert“ – über Dinge „gnädig“ hinweg zu sehen oder „durch Kritik zu helfen“?Letztlich müssen wir uns immer fragen: dient es dem Leben? Und dann die nächste Frage: was ist das, das Leben? Und welches, wessen Leben meinen wir? Jetzt gerade, in diesem Augenblick? Welches in der nächsten Stunde?Deswegen finde ich das mit der Balance so gut. Auch Jesus Christus hat ja auf der sprachlich dargestellten Ebene durchaus Widersprüchliches gesagt – und doch aus einem Guss GEHANDELT.
DIESEN Guss finden – das ist es, glaube ich.

PE: Eine Formulierung der Balance kann auch sein: Ein gutes Verhältnis zwischen der gezielten Nichtwahrnehmung von Tratsch, Unsinn und Bösartigkeit einerseits und dem Mut zur konkreten Negation von unerträglichem Handeln anderer zu finden.

PE: Und eine andere Variante: Wenn „Ich bin da“ die Sünden der anderen und meiner selbst besser kennt als alle anderen, dann muss ich sie ja nicht ständig auch noch selber veröffentlichen.

Schau dir in die Augen

Manchmal ist es sehr wichtig, sich selber in die Augen zu schauen. Die Tiefe zu sehen und das andere, das unter der Oberfläche.

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Immer wieder mitdenken: „Ich aber sage euch“

20140612-082938-30578608.jpgman ergeht sich so leicht in Gedanken über Strukturen, Hierarchien etc. – dabei ist es doch ganz einfach (aber nicht immer leicht).