Die Drohne als Wille und Vorstellung

Der Drohnenabsturz knapp hinter dem vierfachen Skiweltcupsieger Marcel Hirscher erinnert mich an die Wahrheit hinter einer immer mehr verpönten Lebenseinstellung.

Drohne stürzt hinter Harscher beim Slalom in Madonna di campiglio 2015Er hätte tot sein können. Wahrscheinlich wäre er tot gewesen.
Warum hat eigentlich niemand diese Worte verwendet? Warum steht in den Headlines in verniedlichenden Anführungszeichen: Hirscher entgeht „Katastrophe“?

Ich meine: Die Anführungszeichen kommen nicht, weil der Tod eines Top-Sportlers weltpolitisch und vor dem Hintergrund von Flüchtlingsströmen und Massentod im Meer oder sonstwo auf dem Weg nicht als Katastrophe durchgeht. Der Grund ist, dass man nicht wahr haben will, was da passiert ist und wofür es steht.

Ach so – das mit dem Fliegen mit Drohnen ist in Österreich ohnedies nicht erlaubt und in Italien (interessant, dass der Skiort des Geschehens Madonna di Campiglio heißt, auf deutsch veraltet Sankt Maria im Pein) auch eigentlich nicht über Menschen?

Ja genau.

Eigentlich ist das Gesetz und war ja auch die Abmachung vor Ort ganz klar: kein Fliegen über Menschen und schon gar nicht über der Spur der Rennläufer.

Nur: Direkt verantwortlich für den Einsatz war der TV-Rechteinhaber Innfront – und der hat die Aktion entweder sogar angeordnet („Und wenn dann keiner mehr genau schaut, dann fliegst ein bissl näher, gibt bessere Bilder“ oder so) oder nicht genügend kontrolliert.

Ja, und so läuft das.

Und so kann das nur dort laufen, wo das Drohnenfliegen nicht komplett verboten ist.

Es geht immer wieder um ein Umfeld, das geschaffen wird und in dem dann eh Sicherheitsbestimmungen eingezogen sind und alles mögliche – und dennoch passieren dann Dinge, die niemals passieren dürften.

Und so – und das ist der Punkt, den ich machen will – ist es auch mit gar nicht so wenigen Gesetzen und Regelungen, die unter dem Deckmäntelchen des Fortschritts oder des längst nötigen Nachziehens oder der Anpassung an die heutige Realität gemacht werden.

Ich selber denke da an das österreichische Fortpflanzungsgesetz, dessen Beschluss vor fast einem Jahr letztlich genau damit argumentiert wurde, dass es ein längst nötiges und logisches Nachziehen ist und dass ohnedies genaue Regelungen und Überprüfungen vorgesehen sind. Und niemand weiß, ob damit nicht übelster Geschäftemacherei Tür und Tor geöffnet sind (bzw. wird das mit einem Achselzucken abgetan, dass so was halt immer passiert und die Schurken immer einen Weg finden) – und schon gar niemand weiß, welche gesellschaftlichen und menschlichen Folgen dieser Pfad hat.
Aber man kann da auch an viel profanere Dinge denken wie Geldmarktderegulierungen, Billigstbieterprinzipien etc.

Klingt nach „Wehret den Anfängen“ und das ist es auch ein bisschen, zugegeben – aber es ist mehr.

Was es in Wahrheit ist: Der Mensch muss wohl mal einsehen, dass sein Verstand ein sehr, sehr scharfes Werkzeug ist, das im Laufe der Geschichte immer schärfer wird und das wir für Gutes und Böses einsetzen können. Noch deutlicher: Wir haben gar nicht die Wahl, dieses Werkzeug in immer anwachsender Schärfe einzusetzen.

Aber wir brauchen mit zunehmender Schärfe des Verstandes zunehmend mehr einen Bezugspunkt, der uns Perspektive gibt und uns in einem Bereich hält, der das Leben fördert und es nicht opfert auf dem Altar von Geld, Ruhm und Macht.

Ich nenne diesen Bezugspunkt Gott.

Sie können ihn natürlich auch anders nennen – aber: bitte keine Drohnen. Nie und nirgends.

 

„Religion“ Rapid: Von der Pfarrwiese zur Großbaustelle

 

Am Sonntag war ich mit meinem Sohn beim letzten Spiel in „St. Hanappi“, der „heiligen“ Stätte von Rapid Wien. Das Spiel war mäßig, die Show zu hektisch – daher viel Zeit, um Gedanken nachzuhängen, ohne sie groß fertig zu denken.

Da wurde zB so getan, als hätte die Geschichte Rapids mit dem Hanappi-Stadion (das in seinen ersten Jahren ja einfach West-Stadion hieß und erst nach dem Tod des Ex-Rapidlers und Stadion-Architekten Gerhard Hanappi dessen Namen erhielt) begonnen.

Dabei bin sogar ich noch auf die knapp 500 Meter entfernt gelegen gewesene „Pfarrwiese“ gegangen – und dort hatte immerhin ein gewisser Hans Krankl seine große Karriere begonnen. – Krankl übrigens abwesend beim Abschiedsspiel, „Terminprobleme“ – oder doch in seinen Augen nicht genug erwiderte Liebe seitens des Vereins? Es wird schon religiös …

Das „St.“ zum Hanappi hat, wenn ich es richtig im Kopf habe, Josef Hickersberger als Trainer erfunden während einer Saison, in der Rapid Meister wurde.

Und St. Hanappi, das ist für die Rapid-Fans wirklich religiöser Boden – und darüber soll man sich nicht lustig machen, finde ich.

Berührend und gleichzeitig erschreckend etwa, wie über die ganze Westtribüne handgearbeitete Vollflächentransparente mit fußballhistorischen Szenen gerollt wurden. Wer hat die Zeit, das herzustellen? Es ist wohl eine Facette der Arbeite- und Inhaltslosigkeit, die einem da entgegen tritt.

Nach Spielende dann absolute „Rapid, Rapid ist unser Leben“-Stimmung.

Was ist es, das einen Fußballklub zur scheinbar einzigen Bindung an das Leben macht?

Welche Mechanismen wirken, die einen Fußballklub wirklich zur Religion machen?

Was erwarten sich, was fordern die Fans (von „Fanatiker“!) von den Trägern ihrer Religion?

Was passiert, wenn das nicht erfüllt wird?

An die Stelle von „St. Hanappi“ kommt in ca. zwei Jahren (wenn alles klappt) das „Allianz-Stadion“, benannt nach und mitbezahlt von einer Versicherung.

Zeichen der Zeit? Worauf bauen die alle?

***

Nachtrag: anlässlich der WM und auch mit einem kleinen Blick nach Wien behandelte die Religionsabteilung des ORF nun das Thema auch – mehr hier!

Ten Years After: Was aus Eberharters Angst wurde

Zuerst war die Angst, dann „der Hermann“, dann die Idee. Am Ende der Traum und das Beispiel für dich und mich.

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Heute ist es auf den Tag genau zehn Jahre her, dass Stefan Eberharter auf der Kitzbühler Streif das Wort „Traumlauf“ so anschaulich wie selten demonstrierte.

Bemerkenswert daran ist, wie es dazu kam.

Ich hatte die Gelegenheit, mit Eberharter gegen Ende seiner aktiven Karriere einmal ein paar Stunden an der sprichwörtlichen Hotelbar (ohne Alkohol!) zu sprechen. Er vertraute mir unter anderem auch deshalb, weil ich zu Beginn der Saison 2000/2001,  zum Höhepunkt der Maier-Mania, als einziger Journalist bei einem ÖSV-Pressetermin länger mit ihm gesprochen hatte.

Mit ihm, der damals zehn Jahre zuvor bei der WM in Saalbach wie ein Komet aufgetaucht und als Jungspund Doppelweltmeister geworden war. Mit ihm, der sich dann verletzte, immer wieder, der Materialprobleme hatte und der 1996/97 endlich wieder in Schwung gekommen war und damit gerechnet hatte, sich den Nummer-1-Platz in der Skiweltcup-Sonne nun endgültig holen zu können. Und dann war dieser Maier gekommen, „der Hermann“, und hatte alles überstrahlt und niedergewalzt.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs 2000 und auch nicht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung meines Artikels, der schon damals den Namen „Ten Years After“ hatte, ahnte noch niemand, dass sich ab August 2001 die Vorzeichen radikal ändern würden – durch Hermann Maiers Motorradunfall, der ihn fast das Bein kostete und Stefan Eberharter die Chance seines Lebens eröffnete.

Eberharter gewann Weltcup und Olympiagold und wurde zum menschlichen und gereiften Star (wie später nach seinem Comeback übrigens auch Hermann Maier).

„Da kommt noch einer und brennt alle her“

In Sölden an der Bar sprachen wir – es muss im Herbst 2004 gewesen sein – auch über Kitzbühel und über „den Lauf“. Das Rennen damals war ein Hundertstelkrimi gewesen, Robert Seeger hatte im TV gemeint: das wird auch so bleiben. Ich selber hatte vor dem TV das Gefühl: da kommt heut noch einer und brennt alle her.

Dieser „eine“ war Stefan Eberharter – der legte dann mit einer Fahrt, die sowohl im obersten Teil (Mausefalle, Steilhang, vor allem die Ausfahrt) als auch am Hausberg und bei der folgenden Schrägfahrt eine Linie in den Schnee, die eigentlich nicht ging. Das hatte ihm zumindest der damalige ÖSV-Abfahrtschefcoach Robert Trenkwalder gesagt.

„Als ich als Junger das erste Mal oben im Starthaus gestanden bin“, erzählte Eberharter mir, „war da nur Angst. Ich dachte: da kann man gar nicht runter fahren.“ Und dann hat er sich genähert, Schritt für Schritt – bis zu dem legendären Ritt am 23.1.2004.

An diesem Tag hat er die Streif und die Angst tatsächlich bezwungen. Und ich finde, an diesem Herangehen kann man sich ein Beispiel nehmen: Erst Respekt, dann Schritt für Schritt näher, dann Mittun und am Ende die eigene Linie finden.

Und hier der Videolink – Steff startet ca. bei Minute 8!

Fuentes und der Fußball

„Zum Abschluss des Prozesses zu Jahresbeginn hatte die Richterin in Madrid verfügt, dass die bei dem verurteilten Mediziner Fuentes gefundenen rund 200 Blutbeutel von Sportlern zu vernichten seien. „Ich bin sicher, große Fußball-Clubs hatten Einfluss auf diese Entscheidung“, sagte Armstrong in dem Interview dazu.“

So wird es wohl sein.

Die ganze Story gibt es hier!

Jan Ullrich: weniger Selbstgefälligkeit, mehr Zukunftshärte

Ullrich

Jan Ullrich ist verwundert: „Im Grunde habe ich nur in anderen Worten das wiederholt, was ich schon vor einem Jahr gesagt habe und wofür ich auch verurteilt worden bin“, sagt der ehemalige Radstar und frühere Liebling der deutschen Nation einen Tag nach dem teilweise ziemlich peinlichen Ballyhoo um ein am Montag erscheinendes Interview im Focus (in Erinnerung ist mir z.B. ein halblustiger Vergleich mit einer Comicfigur in der ZDF-Sendung „heute“ samt Ausschnitt aus der Comic-Serie) .

In dem Interview sagt Ullrich sinngemäß: Ja, ich habe beim spanischen Doktor Fuentes mit Eigenblut gedopt. Aber ich habe niemanden betrogen, weil das im Prinzip alle an der Spitze taten und ich damit niemandem geschadet habe – nachzulesen z.B. hier.

Wenn das alles bekannt ist: Warum regen sich dann eigentlich alle so auf?

Möglichkeit 1: die Öffentlichkeit hat vergessen, was Ullrich vor einem Jahr gesagt hat und/oder fällt auf das Focus-Getrommle herein.
Zur Öffentlichkeit gehören – und das ist wichtig – sowohl die Leser/Seher/Hörer/UserInnen als auch die Medien und die in ihnen tätigen, unter Quoten- und Zeitdruck stehenden Menschen. Ullrich? Doping? Gibt es Zitate? Her damit, zieht immer! (und wie man sieht: zieht auch bei mir)

Möglichkeit 2: es ist vollkommen egal, ob Dinge schon oft gesagt wurden, es geht nur darum, dass man sich aufregen kann.

Möglichkeit 3: das Thema zieht deshalb so, weil es trotzdem mit seiner ganzen Geschichte etwas Besonderes ist und einen Nerv trifft.

Wahrscheinlich stimmen alle drei.

Ich gebe aber zu, dass mich die vielen selbstgefälligen Stellungnahmen gegen Jan Ullrich immer mehr zu stören beginnen.

Mir kommt das alles ein bisschen vor wie relativ leichtfertiges Gerede von Menschen, die selber nie in einer Situation waren, in der sie sich entscheiden mussten (oder vielleicht sogar: konnten), ob sie bei etwas mitmachen, von dem sie zwar wussten, dass es nicht okay war – aber dass es alle taten und sie im Grunde vor der Wahl standen: ich mach es und hab weiter eine Chance in meinem Beruf, oder: ich mach es nicht – und meine Chancen sinken zumindest drastisch.

Da tun sich dann Parallelen in vielerlei Richtungen auf – finanzielle, politische etc. Der Sport spiegelt hier wieder mal das Leben – und vielleicht ist das der Nerv, der getroffen wird.

Ich meine: Jeder, der wirklich ruhigen Gewissens und ohne jeden Zweifel von sich behaupten kann, dass er bei so etwas wie Doping, aber auch Freunderlwirtschaft etc. auf gar keinen nur denkbaren Fall mitgemacht hätte, ist zu bewundern. Und lügt hoffentlich nicht bewusst.

Ich denke daher: den Ball Richtung Vergangenheit flacher zu halten, das wäre für alle gut. Und es stünde auch allen, die von sich selber wissen, dass sie gedopt haben, gut an, sich eher ins stille Kämmerlein zurückzuziehen als viel in der Öffentlichkeit zu agieren.

Aber in der Gegenwart und Zukunft sollte man sehr klar und mit harten Vorschriften vorgehen.

Die Aufgabe des Anti-Doping-Kampfes sollte sein, auf jede mögliche Weise die Zahl der Versuchungen gegen Null zu reduzieren und – durchaus mit dem Thema „Angst vor schweren Konsequenzen wie sofortige lebenslange Sperre etc.“ – die Möglichkeit, an Doping auch nur zu denken, immer unattraktiver erscheinen zu lassen.

Regen, Kälte und das Hallenbad

Nur damit wir es nicht vergessen … Außentemperatur einstellig, Regen mehrstellig. Verspätete Eisheilige sozusagen. Dazu ein kleines Fundstück von facebook:

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Was das mit Sport zu tun hat? Bei den Triathlons in diesen Tagen (z.B. St. Pölten letztes Wochenende, aber auch in der Schweiz) fallen die Schwimmbewerbe aus. Und zum Glück ist keine Fußball-EM oder WM. Da hat es zwar auch immer wieder geschüttet, aber so kalt war es nie.

Aber immerhin: das Stadthallenbad wird nicht abgerissen….

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Es hätte allerdings schon vor 1 1/2 Jahren nach Sanierung wieder aufgesperrt werden sollen.

250.000 Dollar Strafe für die Wahrheit

Die USA, das Land der unbegrenzten (Un-)möglichkeiten: NBA-Commissioner David Stern hat den San Antonio Spurs eine 250.000-Dollar-Strafe aufgebrummt, weil deren Managertrainer Gregg Popovich nicht gelogen hat.

Konkret: Popovich (jetzt nicht der große Sympathieträger, aber das ist ja hier egal) hat aktiv bekanntgegeben, dass er vier seiner Topstars (Tim Duncan, Tony Parker, Manu Ginobili und Danny Green) am Ende einer Auswärtsreise von 5 Spielen schonen wird, damit sie für das wichtige Spiel gegen Memphis daheim frisch sind.

Wie bitte?

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Hätte Popovich einfach geflunkert und gesagt, die Jungs sind verletzt, krank oder sonst was, wäre gar nichts passiert.

Natürlich, Popovich hat mit seiner offensiven Ansage provoziert und den Clash der Egos gegen Stern vom Zaun gebrochen. Aber was heißt das denn bitte schön für die Zukunft?

Müssen die Teams jetzt vor den Spielen dem Commissioner die Aufstellungen zur Genehmigung vorlegen?

Und wo gibt es eine halbwegs objektivierbare Grenze?

Auf europäische Fußballverhältnisse umgelegt wäre das etwa das Ende der viel gelobten Rotation – und die ist nicht erfunden worden, um möglichst viele Fußballer zu beschäftigen und zu bezahlen, sondern um dafür zu sorgen, dass die Schlüsselspieler das ganze Jahr durchhalten und die Ersatzspieler sich sowohl als Mitglieder der Mannschaft fühlen als auch im Ernstfall überhaupt sinnvoll spielen können.

Also, Mr. Stern: das war nichts!

Olympiaflop: Fünf Thesen zum Salat von London

Kein Darabos zum Einstieg, kein Stoss, kein Rogan, keine besorgte Reportermiene – sondern ein Blick zu einer Sportart, die 2016 erstmals nach 1904 wieder olympisch sein wird:

Zeitgleich mit den Spielen in London fanden nämlich in den USA die dortigen PGA-Championships statt, das letzte Major-Turnier des Jahres.

Im Golf hat Österreich mit dem erst 26-jährigen Bernd Wiesberger, der heuer so richtig den Durchbruch auf internationaler Ebene geschafft hat, und einigen sehr talentierten Nachwuchsspielern durchaus olympisches Potenzial – vielleicht nicht für eine Medaille, aber für einen sehr guten Platz und vor allem für einen guten und sauberen Auftritt.

Aber DAS ist nicht das Auffällige an den PGA-Championships 2012, sondern: Heuer belegten bei diesem Turnier >> drei Briten die ersten drei Plätze, insgesamt waren fünf unter den Top Ten. – Ich hab jetzt nicht jedes Turnier der Vergangenheit rausgekramt, bin aber sicher: das gab es noch nie, zumindest in den letzten beiden Jahren >> 2010 und >> 2011 nicht.

Ich behaupte: die Erfolgsdynamik des „Team Great Britain“ ist von den Olympischen Spielen sogar zum Golf in die USA übergeschwappt.

Hierzulande ist das Gegenteil der Fall – und das ist der eigentliche stotternde Motor in der Erfolgsmaschine des österreichischen Sommersports (wenn wir uns einmal darauf beschränken).

***

Jetzt ist natürlich schon jede Menge geschrieben und gesagt worden zu Österreichs Salto Nullo in London.

Ich möchte dem trotzdem ein paar Dinge hinzufügen:

1. Um mehr und gezielter Erfolg haben zu können, müssen wir aufhören, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Wir leben in einem Land, in dem das Erreichen des Olympia-Limits nicht automatisch eine internationale Top-Platzierung bedeutet. Wir müssen daher auseinander halten und akzeptieren, dass es unterschiedliche Typen von Olympia-AthletInnen gibt und dementsprechend die Ansprüche auch für jeden EINZELNEN formulieren – sprich:
• für manche ist Olympia tatsächlich einfach eine Belohnung, ein Dabeisein, ein Höhepunkt der Karriere. Dass die Spiele für diese Menschen hauptsächlich Erlebnischarakter haben, darf ruhig so sein – sie sind quasi legitime Olympia-Touristen.
• Für andere ist es ein Hineinschnuppern, ein Sammeln von Erfahrung auf höchstem Niveau – also eine Investition in zukünftige Erfolge.
• Und für wieder andere MUSS es das nicht nur so dahingesagte Ziel sein, eine Medaille zu holen – dazu gehören die Welt- und Europameister, Weltcupsieger etc.
Die Letztgenannten haben auch eine besondere Aufgabe für die gesamte Mannschaft, was ihre Leadership, ihre Aussagen vor und nach den Wettkämpfen etc. betrifft.

2. Die Zusammenlegung von allem ist auch nicht unbedingt die Lösung – siehe BRD.

Die Zusammenlegungspläne der gesamten Sportförderung in eine Hand und damit einher gehende Überlegungen zum Zusammenlegen von ÖOC, Sporthilfe, BSO etc. klingen gut – aber sind sie es auch? Wahrscheinlich gäbe es weniger Verzettelung und vielleicht weniger Bürokratie. Aber garantiert ist das nicht und wir haben mit Deutschland ein mahnendes Beispiel vor uns. Was sich nämlich dort unter grundsätzlich EINER Organisation, dem DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) an >> absurder Planwirtschaft und bösem Erwachen abgespielt hat – dagegen nehmen sich unsere Sorgen vergleichsweise klein aus.

3. Im Viereck Schul-, Breiten-, Leistungs- und Spitzensport müssen wir sauber denken und handeln.

Natürlich schwimmt das alles in eine Richtung – aber zu glauben, dass die tägliche Turnstunde am Ende automatisch Olympiachamps hervorbringt, ist ebenso naiv wie die Annahme, dass mehr heimische Teilnehmer am Vienna City Marathon Österreich zum Fußball-WM-Endrundenteilnehmer machen werden.

Was man TATSÄCHLICH in der Pflichtschule machen kann, ist ein Screening von Talenten und ein Anbieten von Möglichkeiten. Dabei werden dann im Idealfall viele Breiten-, einige Leistungs- und wenige Spitzensportler herauskommen. Und das wäre schon ein Fortschritt.

Im Prinzip geht es um die Schaffung eines Klimas, das dem Sport wohlgesonnen ist und ihn als grundsätzlich wichtig auch für eine Gesellschaft und deren Werte deklariert (ohne die Probleme zu verleugnen, die damit einhergehen). Dabei haben übrigens Schule UND Eltern Verantwortung.

4. Ehrenamt darf kein Argument gegen Professionalität sein und umgekehrt.

Das ewige Hickhack rund um Ehrenamt und Profitum bei den Funktionären braucht Vermittlung. Auf Deutsch: es hat ebenso wenig Sinn, wenn angestellte Profis (die hoffentlich Experten sind) einfach dazu da sind, blind die Vorgaben von in teils politischen Gremien gewählten „Ehrenamtlern“ zu erfüllen, wie umgekehrt. Da wären dann die Ehrenamtler aus der Sicht der Profis nur Menschen, die sich wichtig machen und eh keine Ahnung haben. Das braucht – schon im Kleinen, bei den Obmännern und bezahlten Trainern z.B. – ein ehrliches Aufeinander-Zugehen und das gelebte Bewusstsein, dass beides einander braucht.

Vielleicht brauchen wir dazu tatsächlich MediatorInnen – das könnten durchaus z.B. alt gediente erfolgreiche SportlerInnen, TrainerInnen, FunktionärInnen etc. sein. (Aber können wir es bitte NICHT „Weisenrat“ nennen?)

5. Wir brauchen eine Dynamik und einen Fluss des Erfolgs – daran haben auch die Medien Anteil.

Das Wichtigste zum Schluss: das alles kann nur Erfolg haben, wenn es uns gelingt, einen „Erfolgsfluss“ zu schaffen, an dessen Quelle Kinder stehen, die große sportliche Vorbilder haben (die nicht unbedingt Österreicher sein müssen!), und an dessen Mündung echte Olympische Medaillenchancen herauskommen.

Der deutsche Diskus-Olympiasieger Robert Harting hat zu dem gesamten Komplex rund um seinen persönlichen, als haushoher Favorit dann nur äußerst knapp errungenen Erfolg und die Rahmenbedingungen ein >> insgesamt sehr interessantes Interview gegeben, in dem er unter anderem sagt:

Harting: Wir haben in Deutschland eine Neid- und Leistungskultur. Die Kette zieht sich in einem fort: Ich bringe Leistung, ein anderer ist neidisch und überholt mich, ich bin neidisch und überhole ihn. Von dieser Kultur müssten wie in unserem Land mal abrücken.
Welt am Sonntag: Was schlagen Sie vor?
Harting: Siege gibt es nie geschenkt – wir sollten sie genießen und auch die Platzierungen dahinter besser honorieren. Es ist wichtig, dass sich Verbände, öffentlich-rechtliche Medien und Dachorganisation der sportlichen Zukunft von Deutschland widmen. Wenn es so weitergeht, werden unsere Kinder und Enkelkinder nur noch Fußball spielen und über Fußball Bescheid wissen. Das geht schon in den Grundschulen los. Auch Ihr Medien müsst wissen, wie Ihr die Zukunft gestalten wollt!
Welt am Sonntag: Geht es Ihnen auch darum, dass Platzierungen jenseits der Medaillenränge unzureichend gewürdigt werden?
Harting: Ja, definitiv. Das ist so in Deutschland. Und das ist schade.

Das ist – mit Abstrichen – alles auch in Österreich so. Genug Punkte, um anzuknüpfen.

Sportförderung neu, ja klar – aber wie?

Eine Akkreditierung ist noch keine Medaille. Gerade Doppler/Horst zeigten das mit ihrem unnötigen Ausscheiden in der Vorrunde.

Gestern im Ö-1-Abendjournal: diesmal gleich ZWEI Wasserstandsmeldungen von den Olympischen Spielen, beide haben mit Erfolg nur von der Maschek-Seite zu tun.

Meldung 1: die Wildwasserdoppelweltmeisterin Corinna Kuhnle hat aus ihrer Topfavoritenstellung nichts gemacht und landet am Ende nur auf Platz 8.

Meldung 2: Sportminister Norbert Darabos platzt der Kragen und er nimmt das bislang noch medaillenlose Abschneiden der österreichischen Auswahl zum Anlass, eine völlige Neuordnung der Sportförderung anzukündigen.

Interessant der Nachsatz des Radiomoderators: Die Darabos-Meldung hat mit dem Kuhnle-Flop nichts zu tun, das Interview mit ihm wurde bereits vorher aufgenommen.

Ich sage: Hat sie doch.

Denn Kuhnle (die übrigens schon im Vorlauf alles andere als auf Medaille gepolt gewirkt hat, das Semifinale hab ich nicht gesehen) sagte im Interview sinngemäß: „Was soll ich jetzt machen? Es war ein Wettkampf wie jeder andere – manche gewinnt man, manche verliert man.“

Nein, liebe Frau Kuhnle, war es nicht!

Mag schon sein, dass man sich so etwas vor dem Wettkampf einredet, um ruhig zu bleiben. Aber es stimmt einfach nicht und da liegt schon ein großer Teil des Problems. Erfolg bei den Olympischen Spielen hat man (mit ganz wenigen Ausnahmen) nur, wenn man der Bedeutung dieses Ereignisses entsprechend agiert.

Für US-Amerikaner etwa und auch für Australier stehen Olympische Spiele so himmelweit über allem anderen, dass man es kaum wiedergeben kann. Mein Cousin Paul etwa hat (im Gewichtheben) für die USA an mehreren Weltmeisterschaften teilgenommen und einige Top-Ten-Plätze belegt – aber das einzige, was die Medien tatsächlich interessierte, war seine Qualifikation und Berufung für das US-Olympiateam in Barcelona 1992 – als Ersatzmann!

Wenn Norbert Darabos jetzt völlig zu Recht über eine nötige Neuordnung der Sportförderung spricht und sich von der berühmten „Gießkanne“ verabschieden will, stellt sich natürlich die Frage: Was ist die Alternative?

Der Minister möchte gerne „Sportarten definieren, in denen man Erfolge auch einfahren kann, wo man auch langfristig planen kann.“

Ich sag mal: bei der Auswahl kündigen sich etliche Teufel in vielen Details an.

Es werden sich Fragen stellen wie: keine Förderung mehr in richtigen Weltsportarten wie Leichtathletik oder Schwimmen, weil dort Olympiamedaillen am schwersten PLANBAR zu erringen sein MÜSSEN? Denn die Materialschlacht gegen die Sportgroßmächte ist PLANBAR kaum zu gewinnen.

Ich glaube, man kommt mit zwei Ansätzen weiter:

1. Absolutes Primat von Oympischen Erfolgen. Dazu braucht man eine Erfolgsfaktorenanalyse der bisherigen Ö-Olympiaerfolge quer über alle Sportarten (auch Winter!) und auch eine (nicht übertriebene, aber doch) Beschäftigung mit Systemen anderer Nationen. Daraus entsteht dann eine „Matrix“ und im Idealfall Expertengruppe, die Olympiaprojekte einzelner Sportarten bzw. deren Vertreter einstuft.

2. Mit diesem Konzept Versuch der Erhöhung der Sportförderung in Österreich – und zwar, indem man private Mittel einbezieht, die aber dezidiert ganz klar abgesteckten Olympiaprojekten zugute kommen – samt aller Möglichkeiten der Vermarktung vor und nach den Spielen.

Mir ist schon bewusst, dass man das leicht so vollmundig hinschreiben kann und dass so ein Blogbeitrag ein bissl ein kurzer Ansatz dafür ist. Ich glaub trotzdem, dass es funktioniert. Kate Allen, Markus Rogan, Roman Hagara, Benjamin Raich, Thomas Morgenstern, Felix Gottwald, natürlich Hermann Maier & Co.: mit diesen zusammengefassten Vorbildern und deren Knowhow geht garantiert mehr als jetzt.

Denn Olympia ist das Wichtigste. Und kein Wettkampf wie jeder andere.

Eine Lanze für Rogan: „He said what??!!!!“

Ja, die Olympischen Götter.

Die Disqualifikation von Markus Rogan im 200-m-Lagen-Semifinale (Rogan: „Die Ego-Strecke schlechthin“) von London ist ein schon fast zu passender (vermutlicher) Schlusspunkt hinter die Karriere des erfolgreichsten Schwimmers, den Österreich je hatte.

Ein absurdes und für mich absolut nicht nachvollziehbares I-Tüpferl noch, dass der Südafrikaner Chad Le Clos seine erschwommene Finalteilnahme sogar zurück gezogen hätte und Rogan damit trotz nur neuntbester Zeit noch in den Endlauf gekommen wäre. Besser wäre gewesen, der Protest hätte ohnedies keinen Sinn gehabt.

Athen 2004: was wirklich lief

So war es Schwimmverbandspräsident Paul Schauer vorbehalten, die bittere „Anti-Parallele“ zu 2004 zu ziehen. Damals holte Rogan 2 Silberne – und über 200 m Rücken wurde der (mit Abstand) Schnellste im Ziel, der US-Amerikaner Aaron Peirsol, wegen einer fehlerhaften Wende zunächst disqualifiziert und Rogan wäre Olympiasieger gewesen.

Die USA protestierten und Peirsol wurde rehabilitiert. Wie es mit dem Gegenprotest der Österreicher überhaupt gelaufen ist, dazu existieren einige unterschiedliche Versionen. Offiziell hat man sich darauf geeinigt, dass ein kleiner Verband eben gegen die mächtigen USA keine Chance hatte. Das sagte auch Paul Schauer gestern.

Mag schon alles sein und wie gesagt: es existieren auch Versionen, dass der Gegenprotest verschlampt worden wäre – das heißt dann „Verfahrensfehler“ (was diesmal sicher nicht der Fall war, das betonte Schauer gestern nämlich extra: dass man mit aller Vehemenz und Generalsekretär etc. um Rogans Wiederaufnahme kämpfen würde).

Absolut unnötig aber war Markus Rogans Aktion: nämlich lauthals zu verkünden, dass er so nicht Olympiasieger werden wolle und die Freundschaft (mit Peirsol) mehr Wert sei als die Goldene. 

Abgesehen davon, dass Rogan die Freundschaft wahrscheinlich intensiver empfunden hat als Peirsol und sie möglicherweise mit Anerkennung und Respekt verwechselt hat: so geht man mit der Goldenen nicht um.

Rogan sammelte zwar Sympathiepunkte wegen seiner Fairness und wurde zu der Marke, die er in den Jahren seither in alle möglichen Richtungen weiter entwickelte – aber Athen 2004 hängt ihm ewig nach, auch wenn er es noch so sehr in Abrede stellt.

Und jetzt steht am Ende genau die Disqualifikation für ihn, die Peirsol damals nicht bekam. By the way: für meine Begriffe hatte Peirsol damals tatsächlich einen erkennbaren Wendefehler begangen und Rogan kam diesmal schon sehr schnell von der Rücken- auf die Bruststrecke.

Kate Allen völlig baff

Am einfachsten und klarsten erklärte es Kate Allen, die 2004 für Österreich sensationell den Olympischen Triathlon gewann.

Als ich am Tag nach ihrem Triumph mit ihr telefonierte und sie fragte, was sie von Rogans Aktion hielte, wusste sie zunächst gar nicht, was vorgefallen war. Ich sagte es ihr und es war kurz still am anderen Ende der Leitung. Und dann kam mit etwas erhöhter Stimme nur:

„He said WHAT??!! This is the Olympics! This is the Gold medal. You can’t do that!“

Recht hat sie.

Warum ich dennoch eine Lanze für Markus Rogan brechen will?

In seinem Interview danach war er so sehr ein Mensch, wie man ihn selten gesehen hat. Und so viel Blödsinn (siehe Ö3-Interview am Sonntag davor) kann er gar nicht sprechen, dass man ihn nicht einfach in den Arm nehmen will, wenn er auf die Frage, wie es jetzt weiter geht, sagt, dass er jetzt völlig leer ist. Und:

„Ich hab ja nichts außer Schwimmen.“

Seht, ein Mensch.

Die Olympischen Götter mögen ihm verzeihen.