Die zwei Seiten des Fastens

Ich habe mich von Aschermittwoch bis Ostersonntag 2017 von Facebook fern gehalten – und das sind meine Gedanken nach diesen sechs Wochen:

Als ich meinen Beschluss bekannt gemacht hatte, gab es viel Zustimmung, aber auch leise Kritik: der eigentliche Sinn des Fastens wäre doch, auf etwas zu verzichten und das Ersparte dann Bedürftigen/Armen zu spenden. Meine Antwort damals war doppelt: zum einen hätte Jesus Christus beim 40-tägigen Fasten in der Wüste dann auch nichts den Armen gespendet – zum anderen wäre das vielleicht genau der Schlüssel:

Ich habe viel Aufmerksamkeit gespart, auch einiges an Zeit vermutlich – und ich denke, es war ein großer Schritt vorwärts. Aber – auch das muss gesagt werden – es fehlt schon auch etwas.

Was fehlt, ist weniger dieses ständige Informiertwerden darüber, was andere gerade denken, schreiben, lesen, worüber sie sich freuen oder ärgern. Was fehlt, ist auch nur zum Teil der Informationsstrom gesellschaftlich-politisch-spiritueller Art. Da merkt man dann schon, dass man mit VIEL weniger auskommt, ohne dass einem langweilig wird oder der Stoff ausgeht.

Was aber wirklich fehlt, sind Informationen über Veranstaltungen und Vorhaben – die bekommt man dann einfach im Grunde nicht. Und ohne Facebook wäre in den letzten Monaten einiges nicht auf dem Radar gewesen – und da war sehr Wichtiges dabei.

Jetzt wird es darum gehen, mich innerlich einzustellen und meine Wahrnehmung anders zu kalibrieren.

Experiment gelungen!

Das Kreuz und die Säkularisten

Eigentlich müsste es bekennenden Christen (zu denen ich mich bekanntlich zähle) ja gleichgültig sein, ob das Kreuz in Klassenzimmern hängt.
Wichtig ist, ob der Glaube in den Herzen ist.
Haben wir Angst, dass er durch das Abhängen noch mehr von den Säkularisten (vergleichbar den Islamisten) zurück gedrängt wird? 
Das wird vielleicht so sein und natürlich tut es weh, wenn man demontiert wird (auch mir, versteht mich nicht falsch). Aber vielleicht braucht es genau das, dass wir nichts mehr zu verteidigen haben, damit wir neu aktiv werden können, müssen.
Vielleicht wird es dann freier, wenn Säkularisten nicht immer die alte Mär von der Kreuzfahrer-Schuld-Schmerzkirche trommeln müssen, weil sie das Kreuz endlich weg haben wollen.
Verkündigung statt Kulturkampf tut Not.
Fürchtet euch nicht!

Anti-Islamismus, Anti-Semitismus und der aufrichtige Gang

vorfahren-von-affe-und-mensch-kamen-aus-asien-17882Ich glaube, ich habe gerade etwas verstanden.

Der verstorbene Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz sagte in einem fast 15 Jahre alten, eben anlässlich seines Todes wiederholten Interview auf Ö1 zu Peter Huemer, dass alle antisemitisch eingestellten Menschen Auschwitz wollen.

Huemer fragte noch einmal vorsichtig nach, ob man nicht einfach gegen Dinge sein könnte, die Juden machen, oder deren Einfluss zurück drängen wollen könne, ohne deren Vernichtung zu wollen.

Kertesz blieb dabei: wer antisemitisch ist, WILL Auschwitz.

Ich kenne das aus Diskussionen mit Jüdinnen und Juden, die jede Kritik an Aktionen des israelischen Staates kategorisch als Antisemitismus bezeichnen. Zusammen gerechnet: Wer gegen die Errichtung einer israelischen Siedlung im Westjordanland ist, will Auschwitz (auch wohl, wenn er israelischer Staatsbürger und Siedlungsgegner ist?)

Huemer fragte nicht mehr nach.

Vor ein paar Tagen lief im ORF-TV in der Sendereihe „Kreuz und Quer“ die Dokumentation „Gekommen und geblieben“. Thema waren als Flüchtlinge und Immigranten gekommene Menschen und ihre Sicht auf Flüchtlinge und die damit verbundene Problematik heute – eine ausgezeichnete Dokumentation im übrigen, derzeit noch in der ORF TV-Thek und hoffentlich auch mal auf YouTube.

Unter anderem traten in der Doku zwei muslimische Männer Mitte 20 auf, die sinngemäß sagten: Die Österreicher trauen sich nicht differenziert zu denken und auch kritisch gegen Einwanderer und Flüchtlinge zu sein, weil sie Angst haben, sofort als Nazis bezeichnet zu werden. Sie selber hätten daher immer wieder Schwierigkeiten zu verstehen, was Österreicher denken.

Und jetzt glaube ich zu verstehen, warum mir gerade bei jeder sich bietenden Gelegenheit pauschal negative Einstellung zum Islam, Nähe zum Rechtsextremismus etc. vorgeworfen wird, ohne dass man sich mit dem Inhalt der Dinge, mit den gestellten Fragen überhaupt beschäftigen will.

Viele von uns haben – so glaube ich – noch immer einen schweren Knacks aus der Zeit der Judenverfolgung und können daher mit mutigem und differenzierten Denken sehr schwer umgehen. Wer einen Zipfel von Anderssein zeigt oder fragt, ob man Dinge nicht vielleicht auch anders sehen kann, wird sofort verdammt, ihm die Seriosität als Diskussionspartner abgesprochen etc.

Das ist traurig, aber wahr und wirklich.

Ich weiß jetzt auch keine Lösung, denn an sich verstehe ich, dass sich solche Prägungen und Traumata über Generationen halten.

Ich hoffe, das wächst sich aus, ohne dass wir vergessen, was damals passiert ist und vergessen, dass furchtbare Dinge oft im kleinen beginnen. Aber gestern musste sich ja sogar die mehr als integre Präsidentschaftskandidaten Irmgard Griss in der ZIB2 der Frage stellen, ob sie nicht verstehen würde, dass sich Menschen beleidigt und in ihren Gefühlen verletzt fühlen, wenn sie (Griss) sagen würde: die Nazi-Diktatur hat auch nicht von ihren ersten Schritten an ihr wahres Gesicht gezeigt.

Wir sollten aufrechter gehen.

Nicht protzig, nicht selbstgefällig. Aber aufrecht.

Passiert nicht oft, aber dann!

Hartl ungezähmt hochIch empfehle eher selten ein Buch, bevor ich es fertig gelesen habe. Dieses schon.
 
Der Gründer des Gebetshauses Augsburg, der 36-jährige mehrfache Vater Johannes Hartl, schreibt über die Selfie-Kirche, das Evangelium des Nettseins, Herzens-Götzen und die reale Heiligkeit Gottes – eben „Gott ungezähmt“, der wie das Meer ist, an das man irgendwann einmal stößt, egal in welche Richtung man geht.
 
So klar, so drängend, so poetisch, so berührend und so fordernd, dass es über das Wohltun und Wehtun hinaus geht.
Mehr über Hartl selber und seine Arbeit gibt es HIER

Fortpflanzung – alles ganz normal?

Markus Hengstschläger zur Fortpflanzungsdebatte

Markus Hengstschläger verteidigt den Entwurf – aber es gibt auch dagegen Argumente.

Was die geplante Novelle zum IVF-Gesetz mit dem Leben von Prostituierten zu tun hat.

„Erleichterung für künstliche Befruchtung: Experte lobt, Kirche dagegen“ – so einfach wie eine Zusammenfassung auf nachrichten.at kann das Leben manchmal sein. Oder doch nicht?

Neu erlaubt sollen – so die Novelle mit einer an schwarz-blaue Zeiten gemahnenden Kürzestbegutachtungsfrist bis 1.12. – sein:

Samenspende: Lesbischen und heterosexuellen Paaren soll die Erfüllung eines Kinderwunsches durch eine Samenspende und eine Befruchtung im Reagenzglas ermöglicht werden. Bisher war das nur erlaubt, wenn der Samen direkt in die Gebärmutter der Frau eingebracht wurde.
Eizellspende: Die Empfängerin darf nicht älter als 45, die Spenderin nicht älter als 30 Jahre sein. Die Kinder bekommen das Recht, ab 14 den Namen des Spenders zu erfahren. Das Spenden von Samen- und Eizellen darf nicht kommerziell genützt werden.
Präimplantationsdiagnostik: ein Embryo darf vor Einpflanzung in die Gebärmutter untersucht werden nach drei oder mehr erfolglosen IVF-Zyklen, drei Fehlgeburten und wenn aufgrund der genetischen Veranlagung zumindest eines Elternteils die Gefahr besteht, dass es zu einer Fehlgeburt oder schweren Erbkrankheit des Kindes kommt.

Nicht erlaubt bleiben IVF bei alleinstehenden Frauen und das sogenannte Social Freezing – das Einfrieren von Eizellen für spätere Befruchtung (meistens im Zusammenhang mit Karrieregründen)

Doch was sagt einer der wichtigsten Betreiber dazu und was kann man ihm entgegen halten?

Naturgemäß brach in der digitalen und medialen Öffentlichkeit ein Hin-und-Her los. Die Extrempunkte lieferten Homosexuellen-Initiative auf der einen und der römisch-katholische Familienbischof Klaus Küng auf der anderen Seite, sprich: schrecklicher Dammbruch für den Bischof und zu kurz gegriffen für die Homosexuellenvertreter (nach ihnen wäre es nur logisch gewesen, allein stehenden Frauen ebenfalls IVF zu ermöglichen).

Ich möchte mich hier nicht mit diesen einzelnen Argumenten auseinander setzen – die sind zum Teil ohnedies sonnenklar oder jede und jeder kann sie nachlesen.

Ich finde die Stellungnahme und Vertiefung des führenden Experten bei der Novelle, Prof. Markus Hengstschläger, am interessantesten und werde mir dazu einige Anmerkungen erlauben – und dann noch eine kleine Parallele ziehen.

Professor Hengstschläger argumentierte in einem Kurier-Interview aufs Wesentliche reduziert so:

1) Österreich zieht lediglich anderen Ländern nach.

2) Die derzeitige Situation in Österreich ist ethisch nicht vertretbar, da wir „es uns nicht leisten (können), einen Embryo, der nicht lebensfähig ist, in eine Gebärmutter einzusetzen, und einer Frau, die dadurch mehrere erfolglose IVF-Zyklen und damit hohe physische, psychische und auch ökonomische Belastungen aushalten muss, zu sagen: Ja, leider, aus ethischen Gründen dürfen wir den Embryo nicht auf seine Lebensfähigkeit untersuchen. Und wir können es uns ethisch auch nicht leisten, Paaren zu sagen: Wenn Sie Geld haben, fahren Sie ins Ausland, wenn Sie keines haben, dann haben Sie Pech gehabt. Wir können auch nicht die PID verbieten und den Spätabbruch erlauben.“

3) Die biologische Elternschaft wird überschätzt, das Ganze ist eine gesellschaftspolitische Debatte: “ Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle. Wichtig sind die unmittelbaren Bezugspersonen.“ Und: Es „ist eine gesellschaftspolitische Debatte: Möchte ich, dass Kinder zu Beginn ihres Lebens zumindest die Chance auf zwei Elternteile haben? Das ist eine Frage des Familienbegriffs. Biologisch gesehen gäbe es natürlich kein Problem. Das Einfrieren von Eizellen für späteren Kinderwunsch führt hingegen von der Medizin weg in Richtung medizinische Dienstleistung.“

Meine Antworten dazu:

Zu Punkt 1) – Östereich zieht nur nach:
So what? Man muss ja nicht Zwentendorf bemühen und dass Österreich da auch seinen eigenen Weg gegangen ist und wir alle weiter leben (von Fukushima, Tschernobyl etc. reden wir jetzt gar nicht). „It’s the economy, stupid“, hat Bill Clinton gesagt – und was in der Wirtschaft passiert, wenn immer nachgezogen wird, sehen wir bei Steuerdumping (Stichwort Gruppenbesteuerung), Lohn- und Sozialdumping etc. grad eindrucksvoll.

Für mich ist das einfach kein Argument.

Ja, Menschen müssen dann weiter ins Ausland fahren, wenn sie das wollen. Und? Ich meine, man muss das eben nicht wollen und ein Staat kann das durchaus klar kund tun.
Auch der gern gebrachte Hinweis auf die in Österreich (wahrscheinlich, vielleicht) bessere Qualität fällt da hinein: erstens unsicher, zweitens so what, drittens haben wir es hoffentlich nicht so weit gebracht, den östereichseitigen Überhang des IVF-Tourismus gesamtwirtschaftlich zu brauchen.

Zu Punkt 2) – Die derzeitige Situation ist ethisch nicht vertretbar, also müssen wir sie ändern:
Ja, gut möglich und gut dargestellt. Aber wer sagt, dass die Änderung in DIESE Richtung gehen muss? Man könnte genau so gut die IVF generell wieder einstellen und den Spätabbruch sowieso. Zum Ausland habe ich unter Punkt 1 schon geschrieben, was zu schreiben war.

Zu Punkt 3) – Es ist eine gesellschaftspolitische Debatte und biologische Elternschaft wird überschätzt.
Ja, es ist eine gesellschaftspolitische Debatte. Die (medizinische, aber auch die generelle) Wissenschaft zieht sich dann ganz gern auf den Standpunkt zurück: Wir liefern euch nur die Erkenntnisse – ihr tut damit, was ihr wollt.
Das ist – nicht erst seit und nicht endend bei der Entwicklung der Atombombe – eine ganz schwierige Situation.

Aber noch mal: ja, es ist eine gesellschaftspolitische Sache und eine des Familienbegriffs. Und wohin sich der faktisch zu bewegen scheint, sehen wir auch alle: Patchwork, Auflösung, Freiheit, Lebensabschnitte – mit allen Konsequenzen in alle Richtungen (auch positive)

Und, aber: Ich bin zwar kein hochdekorierter Humangenetiker, aber auch kein Depp und würde mir nie im Leben einen Satz zutrauen wie: „Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle.“

Es gibt schlicht nichts, das für die Entwicklung eines Kindes keine Rolle spielt – und man muss sich nicht mal extrem mit Familiensystemen befassen, um etwa zu wissen, welche Auswirkungen sogar ein vergessener, verdrängter Onkel etc. auf ein Familiensystem und auf das konkrete Leben jedes Menschen haben kann.

Diese Aussage ist einfach fahrlässig.

 

Der weite Querpass zur Prostitution

Zum Abschluss – sorry für die Länge – ein Querpass zu einem weit entfernt scheinenden Thema. Kürzlich geriet ich auf facebook in eine Diskussion zum Thema Prostitution. Diese speiste sich aus zwei Links:

Einem Video, das zeigt, wie normal das Leben einer Sexarbeiterin abläuft und einer Umfrage des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., was man sagen würde, wenn man jemanden kennen lernt, der sich prostituiert. 

Der Kern der beiden Debatten war: ist Prostitution nicht eine Arbeit wie jede andere und ist es nicht besser als im Supermarkt an der Kasse zu sitzen? Und ist das normale Leben nicht eben einfach so wie gezeigt (Kaffee aus 2 Löffeln Zucker, zwei Löffeln Instant-Pulver mit heißem Wasser, zu spät in die Arbeit, dort den ganzen Tag dazwischen TV schauen und in Reisebürokatalogen blättern)?

Ich meine natürlich wenig überraschend: Nein, ist nicht dasselbe.

Zum einen, weil sexuelle körperliche Vereinigung doch etwas anderes ist als Kassieren im Supermarkt. So gefühlt generell und – und hier schließt sich der Kreis zur IVF-Debatte – weil körperliche Vereinigung (Geschlechtsverkehr) schon der Weg ist, wie wir Leben auf der Erde weiter geben. Und das alles mit einem absoluten „Ist ja egal, und wir leben alle auf einem Markt“ abzutun – das finde ich einfach sehr, sehr traurig.

Das Leben hat uns und wir haben dem Leben mehr zu bieten.

 

„Manche nennen das Gott“

„Wir alle, Konsumenten, Zwangsgestörte und unbewusst Handelnde gleichermaßen, sollten keine Zeit und keine Verehrung mehr auf Götter verschwenden, die uns nicht retten können. Wir sind geschaffen, um die Luft zu atmen, die uns immer umgibt, uns nährt und erfüllt. Manche nennen das Gott.“
Richard Rohr

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Aber auch SO wahr!!

„Wer seine Vorstellung vom Glück mit dem eigenen Leben bezahlt, ist mit dem Begräbnis seiner selbst beschäftigt – oder lebt von dem, was andere nicht zum Leben kommen lässt.
Mit dem eigenen Kopf durch eine Welt zu gehen, in der es andere freie Köpfe gibt – ist das kein Glück?“

(Peter Eicher auf facebook)

Zurück zur Normalperspektive

Vielleicht ist es mit dem Fotografieren so wie mit dem Leben.

Manchmal gehen wir sehr nah an die Dinge heran und entdecken ganz neue Perspektiven. Oder wir vergraben, verbeißen uns in Diskussionen – öffentliche über die Bundeshymne oder gleichgeschlechtliche Elternschaft zum Beispiel oder private über – nun: Privates.

Dann setzen wir wieder den Weitwinkel auf und suchen ungewöhnliche Bilder, wo sich die von unserer Auge fest gefügten Linien ein bisschen verziehen, auflösen.

Da tut es gut, wieder einmal auf die normale Brennweite zurückzugehen. So sind diese Bilder entstanden: normaler Spaziergang, wechselndes Licht, normale Brennweite.

 

Die Balance zwischen Tratsch und Angstschweigen

DSC_0012„Der Prüfstein einer außerordentlichen Intelligenz“, so ca. hat es F. Scott Fitzgerald einmal geschrieben, „ist, zwei einander entgegen gesetzte Ideen gleichzeitig zu verfolgen und trotzdem funktionsfähig zu bleiben.“

Die heutige Evangeliumsstelle kommt da einmal recht unscheinbar daher und lässt sich auch so interpretieren und be-predigen, dass wir gefälligst hinaus gehen und verkündigen sollen und jeden Sonntag unbedingt in die Kirche. Doch allein, wenn man das hört, regen sich (bei mir) zwei einander widersprechende Impulse:

Impuls 1: ja, tu ich eh im Grunde – außer wenn das Wetter für Sonntag so schön angekündigt ist und mein Körper (der Tempel Gottes immerhin :-)) nach Bewegung ruft, da wird es dann die Vorabendmesse.
Impuls 2: langweilig, zu wenig, passt irgendwie nicht und auch das falsche Publikum.

Dann heute morgen vor dem Frühstück und der Sonnenrunde eine Konversation auf Facebook, die ich hier einfach (gekürzt) wiedergeben möchte:

ÖFFENTLICH

Sie flehte ihn an, sie wenigstens vor der Öffentlichkeit zu verschonen. Er habe kein Recht, das Wissen preiszugeben, das sie ihm allein anvertraut hatte. Und ohne ihren eigenen privaten Schutzraum könne sie gar nicht leben, abgesehen davon, dass die Geheimnisse ihres Lebens niemanden etwas angehen würden.

Er gab alles preis. Er verbreitete öffentlich, was sie in der glücklichen Zeit ihrer Beziehung unter sich ausgetauscht hatten. Die gerichtlichen Bescheide fielen dementsprechend hart aus. Mehr als alles andere hatte sie damals der Verrat des Vertrauens verletzt. Inzwischen hat sie ihren eigenen Garten schützen gelernt. Sie grenzt sich deutlicher ab und kann sich mehr und mehr verteidigen.

Das Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen gehört zum delikaten Teil unserer Geschichte – nicht nur im intimen Bereich der Beziehungen. Genauer besehen macht die Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen vielleicht sogar den entscheidenden Teil der modernen Geschichte aus. Denn einerseits ging es darin um die Eroberung der Menschenwürde mit dem Schutz der Privatsphäre – und andererseits um das Recht zur freien öffentlichen Meinungsbildung.

(…)

In dem heute öffentlich verlesenen Text steht geschrieben:

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Das Evangelium ging davon aus, dass alle Menschen von „Ich bin da“ gleichermaßen anerkannt sind – auch in ihren gegenseitigen Verstrickungen. Dieses Vertrauen in den Grund des Daseins, so die Zuversicht, werde die Menschenfurcht auflösen:

„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,26 ff)

Offenbar gehört beides zusammen: Die unbedingte Selbstachtung, welche das Eigene abzugrenzen und zu schützen weiß – und der Mut, ständig neu die Offenlegung von dem zu fordern, was alle angeht. Wenn „vor Gott“ nichts verborgen ist, dann gibt es nichts, was ich vor mir selbst geheim halten muss – und nichts Öffentliches, was den Mächtigen zu wissen vorbehalten ist. Dass ausgerechnet die kirchliche Hierarchie diese ihre ‚magna charta libertatum‘ in der Neuzeit lange verkannt hat, gehört zur tragischen Seite des Christentums.

Wir können die Angst vor der freien und kritischen Kommunikation verlieren, weil wir vom Grund der Freiheit ohne Vorbehalte anerkannt sind. Das ermutigt dazu, uns vor dem Zugriff auf diese Freiheit selbst zu schützen – auch durch die Kritik der „öffentlichen Meinung“.

Die Menschlichkeit entsteht aus dieser Balance.

P.E.

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Thomas Pöll: Puh…. Da schließen sich so viele Fragen an, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann…. Und ja, aus der Balance entsteht die Menschlichkeit, das stimmt!!!!

P.E.: Thomas Pöll, Ich nenne mal wenigstens zwei von den „vielen Fragen“, die sich kaum vermeiden lassen: Der Nationalsozialismus wäre kaum möglich gewesen, wenn die Freiheit zur öffentlichen Meinung und die offene Disskussion im Parlament nach dem ersten Weltkrieg nicht von allen Seiten erstickt worden wäre. Von der konservativen Seite zum ständischen Schutz, von revolutionärer Seite zum Machtgewinn und von der liberalen Seite zum Schutz industrieller Privilegien. Und heute ist der Schutz des Privaten und das Recht zur öffentlichen Kritik von dem, was durch Kontrolle von NSA und anderen Sicherheitsdiensten den Kern der Macht bildet, aufs Äußerste bedroht – wenn auch auf noch kaum erkannte Weise. Trotz der vielen Fragen gefällt mir die Verankerung in einem inneren Bewusstsein, das sich vorbehaltlos anerkannt weiß – und sich demnach auch schützen und öffentlich verteidigen kann.

TP: Ja, PE, zum Beispiel. Ich bin auch sehr beeindruckt von den Beispielen aus dem, was sich – eben – Privatleben nennt. Wem vertraut man etwas an, das sonst „niemanden etwas angeht“ und was tut man, wenn es ans Licht gezerrt wird? Auf der anderen Seite: was ist das für ein Phänomen wie zB hier auf facebook, alle möglichen Dinge „bekannt zu machen“, zu trommeln? Dann natürlich: was ist mehr „Wert“ – über Dinge „gnädig“ hinweg zu sehen oder „durch Kritik zu helfen“?Letztlich müssen wir uns immer fragen: dient es dem Leben? Und dann die nächste Frage: was ist das, das Leben? Und welches, wessen Leben meinen wir? Jetzt gerade, in diesem Augenblick? Welches in der nächsten Stunde?Deswegen finde ich das mit der Balance so gut. Auch Jesus Christus hat ja auf der sprachlich dargestellten Ebene durchaus Widersprüchliches gesagt – und doch aus einem Guss GEHANDELT.
DIESEN Guss finden – das ist es, glaube ich.

PE: Eine Formulierung der Balance kann auch sein: Ein gutes Verhältnis zwischen der gezielten Nichtwahrnehmung von Tratsch, Unsinn und Bösartigkeit einerseits und dem Mut zur konkreten Negation von unerträglichem Handeln anderer zu finden.

PE: Und eine andere Variante: Wenn „Ich bin da“ die Sünden der anderen und meiner selbst besser kennt als alle anderen, dann muss ich sie ja nicht ständig auch noch selber veröffentlichen.

Immer wieder mitdenken: „Ich aber sage euch“

20140612-082938-30578608.jpgman ergeht sich so leicht in Gedanken über Strukturen, Hierarchien etc. – dabei ist es doch ganz einfach (aber nicht immer leicht).