Die zwei Seiten des Fastens

Ich habe mich von Aschermittwoch bis Ostersonntag 2017 von Facebook fern gehalten – und das sind meine Gedanken nach diesen sechs Wochen:

Als ich meinen Beschluss bekannt gemacht hatte, gab es viel Zustimmung, aber auch leise Kritik: der eigentliche Sinn des Fastens wäre doch, auf etwas zu verzichten und das Ersparte dann Bedürftigen/Armen zu spenden. Meine Antwort damals war doppelt: zum einen hätte Jesus Christus beim 40-tägigen Fasten in der Wüste dann auch nichts den Armen gespendet – zum anderen wäre das vielleicht genau der Schlüssel:

Ich habe viel Aufmerksamkeit gespart, auch einiges an Zeit vermutlich – und ich denke, es war ein großer Schritt vorwärts. Aber – auch das muss gesagt werden – es fehlt schon auch etwas.

Was fehlt, ist weniger dieses ständige Informiertwerden darüber, was andere gerade denken, schreiben, lesen, worüber sie sich freuen oder ärgern. Was fehlt, ist auch nur zum Teil der Informationsstrom gesellschaftlich-politisch-spiritueller Art. Da merkt man dann schon, dass man mit VIEL weniger auskommt, ohne dass einem langweilig wird oder der Stoff ausgeht.

Was aber wirklich fehlt, sind Informationen über Veranstaltungen und Vorhaben – die bekommt man dann einfach im Grunde nicht. Und ohne Facebook wäre in den letzten Monaten einiges nicht auf dem Radar gewesen – und da war sehr Wichtiges dabei.

Jetzt wird es darum gehen, mich innerlich einzustellen und meine Wahrnehmung anders zu kalibrieren.

Experiment gelungen!

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Bald nur mehr auf der ganzen Welt

Tour Paris 13 jpg

In Paris läuft derzeit ein vergängliches Kunstprojekt. Bald wird es nur mehr auf der ganzen Welt zu sehen sein.

Der „Tour 13“ ist ein Sozialbau, der in den nächsten Tagen abgerissen wird. Davor bekamen Künstler die Möglichkeit, die Räume und Fassaden nach ihrer Lust und Laune zu gestalten und die Öffentlichkeit konnte den „Tour 13“ auch besichtigen – freilich streng reguliert, denn das Bauwerk ist eben in einem Zustand, in dem es nichts mehr aushält.

Nach dem Abriss wird die Website im Netz bleiben, allerdings nur mit den Bildern, die die meisten Betrachter angeklickt haben. Mehr über das Projekt zu lesen nebst Links zu einer Bildergalerie gibt es z.B. hier.

Der erste Reflex ist – verständlicherweise – in etwa so: „Wow, toll. Schade drum, dass es nicht bestehen bleibt.“

Ich finde genau diese Art Vergänglichkeit spannend, wenn man sie sich etwas näher ansieht.

Denn genau so ist – Gott sei Dank – das Leben. Und es ist bemerkenswert und wunderbar, dass das Gebäude nicht einfach in seinen letzten Monaten grau und leer stehen bleibt, sondern dass so viel Kreativität und Leben entstanden ist – und dass so viele Menschen das gesehen haben und noch sehen werden, wenn auch in veränderter Form.

Würde alles, was es gibt, physisch bestehen bleiben, wäre kein Platz für Neues.

Und in diesem Fall war es sogar so, dass die Künstler und Betrachter wussten, dass sie sich auf ein vergängliches Projekt einlassen.

Das könnte – gerade zu Allerheiligen heute und Allerseelen morgen – ein guter Denkanstoß sein, um mit dem Thema Vergänglichkeit neu und bunt und kreativ umzugehen.

Warum nicht nur die Branche Scheiße ist – oder?

Zwei HuffingtonPost_AngebotMeldungen praktisch am selben Tag: Die Huffington Post Deutschland kann sich vor ihrem Start am 10. Oktober des Ansturms an Bloggern nicht erwehren. Die Bloggerinnen und Blogger nehmen das Angebot an, gratis für die HuffPo zu schreiben. Sie bekommen dafür a) die Aussicht auf Bekanntheit und b) die Möglichkeit, auf ihre eigene Webpage zu verlinken, um dort eventuell Geld zu verdienen.

Die zweite Meldung: Der Axel-Springer-Verlag übernimmt die Freizeitsportseite/Applikation „runtastic“ (aus Linz).

Die gleiche Springer AG, deren Vorsitzender Mathias Döpfner im Frühjahr über die Huffington Post und deren Avancen gesagt hatte: Genau dieses Geschäftsmodell, inklusive der Aggregation von Inhalten anderer Medien, sei „das Anti-Geschäftsmodell für Journalismus“.

Wohin läuft der Hase also?

Zwei Mal verdienen Schreiber nichts.

„Schreiber“ deshalb, weil es nicht korrekt ist, Blogger und Journalisten in einen Topf zu werfen. Es gibt da zwar eine riesige Grauzone, aber Blogger haben an sich einen geringeren und gesetzlich anders gearteten Wahrheits- und Genauigkeitsanspruch als „echte“ Journalisten (jetzt einmal sehr schlampig ausgedrückt, aber es geht um die Richtung) und da kommt möglicherweise noch einiges auf sie zu. – Für Fotografen gilt übrigens das Gleiche, die werden da oft vergessen.

Bei Springer – einem der renommiertesten Verlagshäuser immerhin – verdienen sie nichts, weil es bei Runtastic gar keinen Content gibt, für den was zu bezahlen wäre. (Ich weiß schon, Springer würde jetzt sagen, sie finanzieren mit den Einnahmen von Runtastic oder ähnlichem die „echten“ verlegerischen Produkte quer – wird schon so sein, aber na ja, wo geht die Reise hin?).

Ein Berufsfreund kommentiert das trocken so: „Content ist gratis, aber die Werbeeinnahmen gehen trotzdem weiter. Und die werden jetzt in Technologie investiert. Daten sind das neue Gold.“

Und bei der HuffPo verdienen sie nichts, weil sie eben nichts bekommen außer die Aussicht, eventuell später über ihre eigene Seite oder ihren Bekanntheitsgrad, der ihnen vielleicht einen bezahlten Auftrag verschaffen könnte, etwas zu bekommen.

Bleiben wir bei der Huffington Post.
Ist deren Angebot eigentlich unmoralisch?

Einige Menschen, mit denen ich diskutiert habe, meinen: Nein. Es geht um freie Marktwirtschaft und so lange man jemanden findet, der es gratis macht, ist die Anfrage an Blogger nicht zu verurteilen.

Dass das jedwedem Dumping Tür und Tor öffnet, ist klar.

Im Endeffekt kommen wir dann vielleicht auch mal dorthin, dass Blogger & Co. nicht nur nichts bekommen, sondern zahlen müssen für die Veröffentlichungsmöglichkeit in einem reichweitenstarken Medium. Schließlich ist es ja Werbung für sie.

Ein ehemaliger Chef von mir erklärte seinen Ausstieg aus dem Internet-Medien-Business lapidar mit folgenden Worten: „Die Branche ist Scheiße.“

Möglicherweise hat er Recht.

Möglicherweise greift er aber zu kurz.

Denn es geht letztlich nicht nur um Schreiber, Fotografen und alle, die sich in der „Publikationsbranche“ tummeln.

Letztlich geht es um den gesamten Bereich der bezahlten Arbeit. Die Publikationsbranche ist da nur ein sehr gut passender und sehr leicht zu „bearbeitender“ Einstieg.

„So lange man jemanden findet, der es billiger macht (oder gratis oder etwas dafür zahlt, es machen zu dürfen), sind solche Ansinnen okay“: das führt im Endeffekt dazu, dass niemand mehr was zahlt und dass die Wirtschaft „steht“, weil sich niemand mehr was kaufen kann (außer ein paar Superreichen und Lottogewinnern am Kiosk oder in der Finanzbranche).

Und da spreche ich noch nicht einmal über die menschliche Dimension. Das vielleicht ein andermal.

Journalismus: keiner zahlt, einer versteht?

Lotterfacebook„Journalismus ist, wenn am Ende mehr als einer verstanden hat, worum es geht. Alles andere ist nicht Journalismus. Egal auf welchem Kanal.“

Das schreibt die aus Wien stammende Wirtschafts-Edelfeder Wolf Lotter auf facebook  (ursprünglich auf twitter, ich weiß ;-))

Liegt die Latte nicht etwas tief? Lotter: „Ich fürchte: nein.“

Als ob eine Branche, die ohnedies schon taumelt wie nicht gescheit, es noch nötig hätte, sich selber ein bisschen runter zu ziehen.

Aber gut, genau so stimmt: Schule ist, wenn am Ende mehr als einer verstanden hat, worum es geht. – Bei beidem setzen wir übrigens stillschweigend voraus, dass der Journalist bzw. Lehrer derjenige ist, der verstanden hat, worum es geht. Und setzen wir (mit noch weniger Gewissheit) voraus, dass es nicht die Absicht des Journalisten/Lehrers ist, unverständliche Dinge von sich zu geben (oder es selber nicht verstanden zu haben).

Aber stimmen wir Wolf Lotter einmal gedanklich zu und fragen wir uns: Warum ist das so, dass so schlecht geschrieben wird? Sind wirklich alle so dumm geworden durch das Internet und die moderne Welt im allgemeinen? Ist die kulturpessimistische Sichtweise die Richtige?

Ich behaupte: es wird schon was dran sein.

Aber was noch schwerer wiegt, ist der Faktor Einsparung und Bezahlung in der Medienbranche. Der Geschäftsdruck auf die Medien ist aus zwei Gründen mehr oder weniger unerträglich geworden: zum einen durch die Wirtschaftskrise (die ein gutes Beispiel dafür ist, was überhaupt keiner mehr so richtig versteht, Ansätze wie die von Heiner Flassbeck ausgenommen; Flassbeck machte etwa schon vor fast fünf Jahren klar, dass Deutschland eine große Schuld an der Krise in Griechenland trifft).

Beispiele für den extrem rauhen Wind, der Menschen entgegen schlägt, die Geschichten nachgehen und diese möglichst vielen anderen Menschen erzählen wollen, finden sich zuhauf. Zwei möchte ich hier erwähnen, weil sie große Medienhäuser betreffen, die mit dem Qualitätsanspruch argumentieren und auch noch immer recht gut davon leben: einen geharnischten Brief aus der Redaktion der Website freischreiber.de an den Die Zeit-Geschäftsführer. Und – etwas älter – die bittere Klage der mittlerweile meines Wissens Ex-Ö1-Journalistin Barbara Kaufmann über die Arbeitsbedingungen der Freien Mitarbeiter im ORF.

Ein Ausschnitt daraus:

„Irgendwann im ersten Jahr hab ich bemerkt: das geht sich nicht aus. Ich hab den Fehler selbstverständlich zuallererst bei mir gesucht. Vielleicht liegt es an der fehlenden Routine, dachte ich mir. Vielleicht war ich einfach zu langsam. Oder zu genau. Oder mein Anspruch war zu hoch. Aber es gab und gibt nun mal Qualitätsansprüche bei Ö1 und darunter zu produzieren geht nicht. Für niemanden. Sonst kommt der Beitrag nicht auf Sendung. Und man kann nicht 10 qualitativ hochwertige, ausrecherchierte Beiträge a 3 Interviews und 20 Stunden Literaturstudium Minimum pro Beitrag im Monat produzieren. Das müsste man aber, wenn man ca 3000 Euro brutto verdienen möchte. Man schafft höchstens 4. Und das auch nur, wenn man an Wochenenden arbeitet und in der Nacht. Da ist man dann am Monatsende bei 1200 Euro brutto. Und fertig. Erschöpft, ausgelaugt. Bereitet aber bereits die nächste Geschichte vor, liest sich ins übernächste Wissenschafts- oder Politthema ein. Oder steckt schon mitten in den Vorarbeiten für die kommende Sozialreportage.“

Und wer trägt außer der Wirtschaftskrise Schuld?

Man liegt nicht weit daneben, wenn man auf die Gratiskultur des Internets tippt. Diese hat nicht nur die News im Netz im wahrsten Sinn des Wortes wert-los gemacht (weil reine News irgendwann überall gleich und dann auch gleichZEITIG sein müssen), sondern die gesamte Struktur der Medienbranche auf den Kopf gestellt.

Jede Geschichte, die irgendwo erscheint, kann von jemand anders auf „seiner“ Plattform gebracht und könnte auch vermarktet werden, wenn es jemand zahlen würde. Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang ein aktuelles Interview von NÖN-Chefredakteur Harald Knabl im Branchenblatt Horizont. Lesenswert vor allem, weil es eben auch die regionale Dimension und deren Wirtschaftlichkeit gut erklärt.

Hier die wesentlichen Ausschnitte, die das Gratissegment generell und das Internet im besonderen betreffen:

HORIZONT: Niederösterreich war ja gerade in den letzten Jahren ein Gebiet, in dem immer mehr Player zu expandieren versuchen – gerade im Gratiswochenzeitungsmarkt. Bietet der niederösterreichische Medienmarkt noch Platz?

Knabl: Im Gegenteil. Wir sind jetzt schon überversorgt, und es gibt schon heute Produkte, die kein Mensch braucht. Diese machen aber den etablierten Playern das Leben schwer, weil sie eben auch Gelder abziehen. Diese regionale Tiefe in der Berichterstattung, die die Gratiswochenzeitungen trommeln, ist reiner Fake. Wenn man sich die Produkte durchblättert, merkt man schnell, dass hier alles andere als eine redaktionelle Nahversorgung geboten wird. Möglicherweise lässt sich der Leser durch den Trommelwirbel noch einige Zeit täuschen – aber irgendwann wird er draufkommen.

HORIZONT:
 Stichwort Digitalisierung. Wie sehr sind die regionalen Zeitungen davon betroffen? 

Knabl: Dazu etwas Grundsätzliches: Die Verleger haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, zu glauben, die nächste Druckmaschinenbestellung stornieren zu können, weil es ohnehin bald kein Papier mehr gibt. Weil man ­alles online machen kann und sich dadurch noch Kosten spart. Und um den Lesern Online schmackhaft zu machen und sie daran zu gewöhnen, haben die Medienhäuser ihre Inhalte verschenkt. Von dieser Situation sind wir nun aber nicht mehr weggekommen. Wenn ich etwa abends nach Hause fahre, kann ich mir die Nachrichten großer Qualitätszeitungen frei zugänglich online ansehen. Damit bin ich über das Wichtigste informiert, und ich frage mich, warum ich eigentlich am nächsten Morgen eine Zeitung kaufen soll. Diese Gratis-Un­kultur ist ein internationaler Trend und durchzieht fast alle Bereiche des Internets.

HORIZONT:
 Es gibt aber schon Medienhäuser, die online Geld verdienen.

Knabl: Wenn man ehrlich rechnet und alles berücksichtigt, dann halten dieser Kalkulation viele Portale nicht stand, die heute behaupten, bereits Gewinne zu schreiben. Wir selbst werden jedenfalls so wenig wie möglich unserer Kaufzeitungsinhalte online gratis hergeben. Wir setzen derzeit auf das Thema e-Paper. Online teasern wir einzelne Geschichte an und verweisen dann auf unser kostenpflichtiges e-Paper. Sicherlich werden die Einkünfte aus Online-Werbung noch steigen – aber das wird nie die Dimension von Print annehmen können.

HORIZONT:
 Gerade jetzt gibt es wieder einen Trend zu Paid Content. So hat Axel Springer kürzlich für Bild.de ein Bezahlmodell eingeführt.

Knabl: Von Seiten der Medien gibt es kuriose Versuche, für Online-Inhalte Geld zu verlangen. Vom Verkauf einzelner Artikel bis hin zu freiwilligen Modellen nach dem Motto „Wenn Du glaubst, dass dir der Artikel etwas wert ist, dann schick uns Geld.“ Das ist alles ratloses Herumstochern im Heuhaufen. Ich glaube nicht an den einzelnen Artikelverkauf. Das stellt uns vor irrsinnige Probleme bei den Abrechnungssystemen. Lediglich der Gesamtverkauf kann funktionieren – entweder als e-Paper oder als Portallösung, bei der dann Kosten anfallen, wenn man das lesen will.

Wenn jetzt jemand darauf wartet, dass ich die Lösung habe: leider nein.

Mit welchen Mitteln aber um die ohnedies durch ständiges Runterlizitieren bei den Preisen, die für Werbung gezahlt werden, sehr wackligen Einnahmen gekämpft wird, zeigt eine geradezu beängstigende Hintergrundgeschichte zum Thema „Blockieren von Werbeinhalten auf Internet-Plattformen“ –  für starke Mägen und Detailinteressierte!

Politiker und Social Media, die 2.

Ich wusste es ja- siehe das Ende meines kürzlichen Postings: „und auch ohne Failmann: es könnte eine Serie draus werden, wenn ich es mir jedes Mal merke, wenn mir ein Social-Media-Statement aus der Politik – nun, sagen wir: auffällt, >> das Gesamte ist hier nachzulesen ….

Also: gestern Statusmeldung von Othmar Karas auf facebook: „Habe soeben den Text eines Interviews zu Strasser, OEVP und EU mit der Wiener Zeitung freigegeben.“

So las sich das Interview dann auch …. siehe >> hier

Richtiger Kommentar eines anderen Users darunter: „ich stelle (nur) dass in einem demokratischen land keine „freigabe“ von nöten ist. ob ein artikel gedruckt werden „darf“, oder gar „soll“.. entscheidet nicht ein interviewter, sondern ein interviewer, that`s it und nicht mehr oder weniger.“

Finde ich im Prinzip auch, außer in sehr heiklen Fällen – und Heikles hab ich da nichts gefunden, vielleicht wurde es aber auch vor Freigabe weggenommen?

Aber auf jeden Fall sollte man sich das nicht an die facebook-Fahnen heften, dass man ein Interview freigegeben hat.

Meine zumindest ich.

Coming up short – der Social-Media-Lapsus des Sebastian Kurz

Am 4. August postete der junge Integrationsstaatsssekretär Sebastian Kurz auf facebook ein Bild von sich mit der Integrationsbeauftragten von New York City und schreibt von einem Besuch auf ALICE Island, dem ersten Anlaufpunkt der früheren Einwanderer.

Ich hab ganz sachlich drunter geschrieben, dass das meiner Erinnerung nach ELLIS Island heißt (dort steht nämlich die Freiheitsstatue) und davon leider keinen Screenshot gemacht.

Ich hab mich dann nämlich schon gewundert, dass das überhaupt niemanden interessiert, weil ich keine Benachrichtigungen über weitere Postings erhalten habe – heute früh sehe ich dann zufällig, dass Kurz (oder wer immer diesen Account betreibt) 1) Alice auf Ellis Island ausgebessert und 2) mein Posting gelöscht hat.

Ich gebe zu, ich war ein bissl baff.

Sooooo schlimm war der SACHLICHE Lapsus von Kurz jetzt auch wieder nicht, dass er einen DERARTIGEN Social-Media-Lapsus rechtfertigen würde. 

Ich glaub, ich lehn mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: man muss Ellis Island nicht kennen. Ja, man kann sich sogar vertippt oder sonstwie vertan haben. Dann reicht aber ein „Danke, lustiger Fehler, hab ich ausgebessert“ oder etwas Ähnliches.

Es kann einem natürlich auch peinlich sein. Dann löscht man von mir aus meinen Eintrag, korrigiert von Alice auf Ellis und schreibt mir eine Nachricht, dass das dann doch gefühlsmäßig zu peinlich war und bedankt sich und sagt „Sorry“ fürs Löschen.

Aber so?

>> Wenn jemand Lust hat: auf meinem eigenen facebook-Account gibt es hier ein paar Statements dazu

Ich hab ja Sebastian Kurz nicht auf meine facebook-Watchlist getan, damit ich ihn auf Fehler abchecke und dann betoniere, sondern weil ich dachte: Junger Politiker, spricht recht ambitioniert – schauen wir uns an, wie er die Social-Media-Plattform nützt.

Lieber Herr Kurz und Team: das war nix!

(und auch ohne Failmann: es könnte eine Serie draus werden, wenn ich es mir jedes Mal merke, wenn mir ein Social-Media-Statement aus der Politik – nun, sagen wir: auffällt)

 

Dylan-Fakezitate und die Folgen – DIE Sorgen möchten wir haben

Natürlich geht es nicht um IRGENDWEN. Immerhin ist es eine Buch über Bob Dylan, für das Zitate des Altmeisters abgewandelt, ergänzt und erfunden wurden, damit sie besser zur Geschichte passen. Und die erzählt der Journalist und Autor Jonah Lehrer in seinem Bestseller „Imagine: How Creativity Works“, um damit Geld zu verdienen.

Ich sag’s gleich: ich hab das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht tun. Ich finde es einerseits süß absurd, dass es ausgerechnet um Zitate von Bob Dylan geht; immerhin ist dieser einer der Meister des zur Bedeutungsschwere verkommenen grad zur Situation und zum Wetter passenden Nonsens, wenn es zu Fragen über zB seine Herkunft oder die Entstehung seiner Werke kam.

Lesetipp dazu unter „Freewheelin‘ – Bob Dylan, Jonah Lehrer and the Truth“ >> hier

Andererseits finde ich die Debatte über den jähen Absturz des Jungstars Lehrer viel spannender, der gerade von Wired zum renommierten New Yorker gewechselt war und dort nach Auffliegen des Fakes gleich den Job kündigen musste.

So findet sich auf der bundesdeutschen Media-Internetseite meedia.de unter anderem folgende Passage:

„Was für die Puristen ein Sündenfall, mag für Zyniker und Realisten eine lässliche Sünde sein. Der Spiegel bedient sich schon seit Jahren der schönen Technik der Rekonstruktion und schildert mit Vorliebe den Verlauf von Geheimtreffen, als hätte der Autor unter dem Tisch gesessen. Einigen Lesern nötigt so etwas Respekt ab, andere wundern sich.“ (gesamter Text >> hier)

An dieser Stelle könnte man jetzt mit gutem Recht sagen: Es kommt alles ein bisschen auf den Kontext, die Bedeutung und die Folgen an. Manchmal – so seh es zumindest ich – heiligt der Zweck die Mittel, wenn es nämlich Wurscht ist, ob es GANZ GENAU so war. Noch besser ist im Zweifelsfall, das auch die Leser irgendwo unaufdringlich wissen zu lassen mit Sätzen wie: „So oder so ähnlich hat es sich wohl zugetragen“.

Aber es geht weiter – und jetzt wird’s spannend:

„Was auch immer nun über den Status Quo des US-Journalismus geschrieben wird – journalistische Standards werden in den großen US-Medien sehr genau beachtet, gleichzeitig funktionieren die Selbstreinigungskräfte des medialen Betriebs besser als in Deutschland. Dafür sorgt allein die Trennung zwischen „Editor“ (Tischredakteur, der nicht selber schreibt, sondern ausschließlich Themen verteilt und Texte redigiert) und Reporter. Wer einmal bei einer US-Zeitung gearbeitet hat weiß, dass in den Redaktionen viele Fakten, die in deutschen Artikeln gerne mal so dahingeschleudert werden, im Text – und nicht nur gegenüber dem Ressortleiter – belegt werden müssen. Gern auch mal mit einer Nachkommastelle der Standardabweichung von einem Umfrageergebnis.“

So – und DAS stellen wir uns jetzt mal in den Zeitungs- und Internetredaktionen dieses Landes vor. Dort, wo der „Tischredakteur“ entweder schon mal der Einzige ist, der überhaupt da ist, oder selber nebenher Kommentare schreibt und Material verwaltet („redigiert“ ist so ein Wort …) – oder wo es ihn schlicht und einfach nicht gibt.

Im meedia-Text kommt dann noch ein „Public Editor“ vor, „der sich unabhängig von Redaktionszwängen zu internen Angelegenheiten äußern kann, wenn es denn sinnvoll erscheint. Die Meinungsseite (Op-Ed) wird in der Regel von einem eigenen Team mit eigener Leitung betreut, gegenüber dem der Chefredakteur nicht weisungsbefugt ist.“

Lieb.

Bitte mich jetzt richtig verstehen: ich bin absolut für vor allem sinnrichtiges Zitieren und Beschreiben und ich bin auch für ein klares Erkennbarmachen von Fakten, Ausschmückung und klarer Meinung (das muss allerdings meiner Ansicht nach nicht unbedingt in streng getrennten Behältern erfolgen!)

Aber der Journalismus im deutschsprachigen Raum (und auch im Großteil der USA, nebstbei) hat ganz andere Sorgen als ungenaues Zitieren, das niemandem schadet.

Hierzulande geht es für Journalisten darum, mit der Arbeit überhaupt fertig zu werden. Hierzulande geht es darum, ordentliche Arbeitsbedingungen zu schaffen und aufrecht zu erhalten.

Und NICHT NUR HIERZULANDE geht es darum, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass nicht alles gratis sein kann, wenn jemand damit Geld verdienen MUSS, um das Werkel am Laufen zu halten.

Und mit gratis oder fast gratis meine ich die im Internet beheimatete, aber schon ordentlich überschwappende (Un)Kultur, die nicht nur Inhalte gratis anbietet (und damit Print vom Ansatz her kannibalisiert), sondern auch – via ins teils Bodenlose hinunterlizitierte Schaltungspreise für Werbungen – deren Verpackungen und Rahmen.

Da kann der Dylan gesagt haben, was er will. Wird ihm egal sein.