Die Drohne als Wille und Vorstellung

Der Drohnenabsturz knapp hinter dem vierfachen Skiweltcupsieger Marcel Hirscher erinnert mich an die Wahrheit hinter einer immer mehr verpönten Lebenseinstellung.

Drohne stürzt hinter Harscher beim Slalom in Madonna di campiglio 2015Er hätte tot sein können. Wahrscheinlich wäre er tot gewesen.
Warum hat eigentlich niemand diese Worte verwendet? Warum steht in den Headlines in verniedlichenden Anführungszeichen: Hirscher entgeht „Katastrophe“?

Ich meine: Die Anführungszeichen kommen nicht, weil der Tod eines Top-Sportlers weltpolitisch und vor dem Hintergrund von Flüchtlingsströmen und Massentod im Meer oder sonstwo auf dem Weg nicht als Katastrophe durchgeht. Der Grund ist, dass man nicht wahr haben will, was da passiert ist und wofür es steht.

Ach so – das mit dem Fliegen mit Drohnen ist in Österreich ohnedies nicht erlaubt und in Italien (interessant, dass der Skiort des Geschehens Madonna di Campiglio heißt, auf deutsch veraltet Sankt Maria im Pein) auch eigentlich nicht über Menschen?

Ja genau.

Eigentlich ist das Gesetz und war ja auch die Abmachung vor Ort ganz klar: kein Fliegen über Menschen und schon gar nicht über der Spur der Rennläufer.

Nur: Direkt verantwortlich für den Einsatz war der TV-Rechteinhaber Innfront – und der hat die Aktion entweder sogar angeordnet („Und wenn dann keiner mehr genau schaut, dann fliegst ein bissl näher, gibt bessere Bilder“ oder so) oder nicht genügend kontrolliert.

Ja, und so läuft das.

Und so kann das nur dort laufen, wo das Drohnenfliegen nicht komplett verboten ist.

Es geht immer wieder um ein Umfeld, das geschaffen wird und in dem dann eh Sicherheitsbestimmungen eingezogen sind und alles mögliche – und dennoch passieren dann Dinge, die niemals passieren dürften.

Und so – und das ist der Punkt, den ich machen will – ist es auch mit gar nicht so wenigen Gesetzen und Regelungen, die unter dem Deckmäntelchen des Fortschritts oder des längst nötigen Nachziehens oder der Anpassung an die heutige Realität gemacht werden.

Ich selber denke da an das österreichische Fortpflanzungsgesetz, dessen Beschluss vor fast einem Jahr letztlich genau damit argumentiert wurde, dass es ein längst nötiges und logisches Nachziehen ist und dass ohnedies genaue Regelungen und Überprüfungen vorgesehen sind. Und niemand weiß, ob damit nicht übelster Geschäftemacherei Tür und Tor geöffnet sind (bzw. wird das mit einem Achselzucken abgetan, dass so was halt immer passiert und die Schurken immer einen Weg finden) – und schon gar niemand weiß, welche gesellschaftlichen und menschlichen Folgen dieser Pfad hat.
Aber man kann da auch an viel profanere Dinge denken wie Geldmarktderegulierungen, Billigstbieterprinzipien etc.

Klingt nach „Wehret den Anfängen“ und das ist es auch ein bisschen, zugegeben – aber es ist mehr.

Was es in Wahrheit ist: Der Mensch muss wohl mal einsehen, dass sein Verstand ein sehr, sehr scharfes Werkzeug ist, das im Laufe der Geschichte immer schärfer wird und das wir für Gutes und Böses einsetzen können. Noch deutlicher: Wir haben gar nicht die Wahl, dieses Werkzeug in immer anwachsender Schärfe einzusetzen.

Aber wir brauchen mit zunehmender Schärfe des Verstandes zunehmend mehr einen Bezugspunkt, der uns Perspektive gibt und uns in einem Bereich hält, der das Leben fördert und es nicht opfert auf dem Altar von Geld, Ruhm und Macht.

Ich nenne diesen Bezugspunkt Gott.

Sie können ihn natürlich auch anders nennen – aber: bitte keine Drohnen. Nie und nirgends.

 

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Brücken statt Waffen – die Homosexuellen und die Kirche

queerAuf Facebook ist anlässlich eines Artikels in einer Homosexuellen-Zeitschrift über die Versuche der Irischen Kirche, gegen die Homo-Ehe zu argumentieren, eine Debatte ausgebrochen.
(ich verlinke den Artikel hier, obwohl ich das zugrunde liegende Dokument der Irischen Kirche nicht gefunden habe und mir die Zitate mir sehr dünn und zusammenhanglos vorkommen)
Eine Diskutantin schrieb:
„Das Gemeinwohl existiert also nicht mehr, wenn gleichgeschlechliche Ehen erlaubt werden und an der Tagesordnung stehen?! oO Wenn Homosexuelle heiraten dürften, würden heterosexuelle Eltern nicht mehr als „Grundlage der Gesellschaft“ angesehen, so die Kirche weiter. 
Die Hetero-Ehe, die „die Liebe Christi für uns“ reflektiere und für die 
der Gottessohn am Kreuz gestorben sei, sei damit nicht mehr 
„einzigartig“ und würde entwertet.Wieso bitte, sind „Hetero-Eltern“, dann keine „Grundlage der Gesellschaft“ mehr?! So ein absoluter Schwachsinn! 
Und wie zur Hölle (frech grinsend schmunzel) kommen die auf die absolut hirnrissige Idee, dass eine „Hetero-Ehe“, die Liebe Christi für uns reflektiert?! oO Soweit ich weis, hat Jesus alle Menschen gleich geliebt! Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus homosexuelle Paare an den Pranger stellen würde?! Wohl kaum! 
Und es ist mir auch wirklich neu, dass Jesus am Kreuz dafür starb! Jesus wurde gekreuzigt, weil Judas ihn verraten hat und es leider auch schon damals, einfach nur widerliche „Menschen“ gab! Aber gewiss nicht, um damit gegen Homosexualität eine Aussage zu tätigen, diese abzuwerten oder etwas dergleichen…“

Ich möchte dazu ein paar Gedanken schreiben – und vorweg sagen, DASS ES MIR DARUM GEHT, DEN DIALOG UND DEN RESPEKT ZWISCHEN HOMOSEXUELLENBEWEGUNGEN UND KIRCHE AUFRECHT ZU ERHALTEN bzw. im Idealfall zu fördern. Ich bin kein Geistlicher und hab auch keinen Stahlhelm – einfach ein Kirchenbürger („Laie“, mir gefällt „Amateur“ besser, da steckt die Liebe drin), der im Hier und Heute lebt und – so glaube ich – durchaus open-minded ist.
1) Dass die Ehe zwischen Mann und Frau ein grundsätzlicher Baustein der Gesellschaft ist und einen sehr wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl leistet – das kann ja nicht das Problem sein, das anzuerkennen?
2) den Umkehrschluss im darauf folgenden Satz sehe ich so nirgends und er vergiftet nur das Klima.
3) die „drohende Entwertung“ sehe ich ebenfalls als problematisch – aber das ist nun mal ein Standpunkt, den man haben kann. Die Kirche kämpft nun mal einen Kampf für die christliche Ehe und Familie und will sie nicht als eine gleichwertige Form unter allen möglichen gesehen haben.
Das heißt aber – und das ist wichtig – nicht (und schon lange nicht mehr), dass die Kirche Homosexualität als solche nicht anerkennt und sie als Sünde bezeichnet. Das stimmt einfach nicht. Das stimmte übrigens schon 1993 nicht (bin da auf einen Link gestoßen, als ich das „Pamphlet“ finden wollte, das queer.de inkriminiert. Ich les immer gern die Dokumente selber, nicht was eine Zeitschrift draus machet —- bin selber Journalist)
(Anmerkung: Papst Franziskus spricht ausdrücklich davon, dass Homosexuelle einen wertvollen Beitrag leisten können und dass sie Gott mit Liebe anschaut)
4) die Hetero-Ehe als Reflexion der Liebe Christi ist eine theologische Geschichte, die davon ausgeht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen und mit „seid fruchtbar und mehret euch“ beauftragt hat.
5) Und wieder ist es eine Engführung/Verdrehung, die hier Schaden anrichtet: nirgends steht, dass NUR die Hetero-Ehe die Liebe Christi reflektiert.
Und du hast völlig Recht: Jesus hat alle Menschen gleich geliebt. Schade ist wirklich, dass kein Gleichnis zu Homosexuellen überliefert ist – wir haben nur das mit der Ehebrecherin, der er zuerst mal das Leben gerettet hat, dann die Gesetzeslehrer (Pharisäer) mit einer Lektion heim geschickt und der er schließlich gesagt hat: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige fortan nicht mehr.“
Was es auch nicht gibt, ist ein Gebot gegen die Homosexualität, die betreffenden Passagen finden sich nur relativ klein irgendwo verstreut im Alten Testament. Wir wissen nicht, ob die Homosexualität einfach kein Thema war und wenn ja, warum.
6) dass Jesus nur am Kreuz gestorben ist, weil es den schlechte Judas gab, ist ein bisschen kurz gegriffen  
MEIN FAZIT:
Der Kirche geht es darum, die christliche Ehe aufzuwerten und ihre Wichtigkeit zu betonen. Da macht sie Stimmung gegen alles, was daran kratzt. Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Aber gerade im jetzt laufenden Prozess der Ehe-und-Familien-Synode passiert Wichtiges zur Klärung und zur Anerkennung, wenn eben auch nicht Gleichstellung in JEDER Hinsicht.
Es ist immer ein schmaler Grat zwischen unterschiedlichen Standpunkten und Diskriminierung – aber ich glaub, es wär gut, die positiven Signale und Einzelfälle anzusehen und ihnen Luft zum Atmen zu geben.
Ein letztes Beispiel dazu: Vor 2 Jahren gab es in Österreich den Fall eines „irrtümlich gewählten“ homosexuellen Pfarrgemeinderats mit Riesenstreiterei auch in der breiteren Öffentlichkeit, ob man jetzt die ganze Wahl wiederholen müsste oder einfach den Homosexuellen aus der Funktion entfernen und jemanden nachrücken lassen soll oder ob er bleiben kann. Mehr dazu HIER
Der österreichische Kardinal Christoph Schönborn fuhr selber in das kleine Dorf, besuchte den Mann und sagte danach sinngemäß: Er sei beeindruckt von der Art und Weise, wie dieser Mann den Glauben lebt und natürlich bleibt er. Und dann ging’s los: sofort prasselten Fragen und Forderungen auf Schönborn ein, ob und dass das jetzt hieße, dass die Kirchenämter für Homosexuelle geöffnet seien? Schönborn verneinte das natürlich (könnte er ja aus mehreren Gründen nicht bejahen) und wurde öffentlich geprügelt.
Dass aus Gutem nicht Böses wird – dafür sollten wir arbeiten.

Fortpflanzung – alles ganz normal?

Markus Hengstschläger zur Fortpflanzungsdebatte

Markus Hengstschläger verteidigt den Entwurf – aber es gibt auch dagegen Argumente.

Was die geplante Novelle zum IVF-Gesetz mit dem Leben von Prostituierten zu tun hat.

„Erleichterung für künstliche Befruchtung: Experte lobt, Kirche dagegen“ – so einfach wie eine Zusammenfassung auf nachrichten.at kann das Leben manchmal sein. Oder doch nicht?

Neu erlaubt sollen – so die Novelle mit einer an schwarz-blaue Zeiten gemahnenden Kürzestbegutachtungsfrist bis 1.12. – sein:

Samenspende: Lesbischen und heterosexuellen Paaren soll die Erfüllung eines Kinderwunsches durch eine Samenspende und eine Befruchtung im Reagenzglas ermöglicht werden. Bisher war das nur erlaubt, wenn der Samen direkt in die Gebärmutter der Frau eingebracht wurde.
Eizellspende: Die Empfängerin darf nicht älter als 45, die Spenderin nicht älter als 30 Jahre sein. Die Kinder bekommen das Recht, ab 14 den Namen des Spenders zu erfahren. Das Spenden von Samen- und Eizellen darf nicht kommerziell genützt werden.
Präimplantationsdiagnostik: ein Embryo darf vor Einpflanzung in die Gebärmutter untersucht werden nach drei oder mehr erfolglosen IVF-Zyklen, drei Fehlgeburten und wenn aufgrund der genetischen Veranlagung zumindest eines Elternteils die Gefahr besteht, dass es zu einer Fehlgeburt oder schweren Erbkrankheit des Kindes kommt.

Nicht erlaubt bleiben IVF bei alleinstehenden Frauen und das sogenannte Social Freezing – das Einfrieren von Eizellen für spätere Befruchtung (meistens im Zusammenhang mit Karrieregründen)

Doch was sagt einer der wichtigsten Betreiber dazu und was kann man ihm entgegen halten?

Naturgemäß brach in der digitalen und medialen Öffentlichkeit ein Hin-und-Her los. Die Extrempunkte lieferten Homosexuellen-Initiative auf der einen und der römisch-katholische Familienbischof Klaus Küng auf der anderen Seite, sprich: schrecklicher Dammbruch für den Bischof und zu kurz gegriffen für die Homosexuellenvertreter (nach ihnen wäre es nur logisch gewesen, allein stehenden Frauen ebenfalls IVF zu ermöglichen).

Ich möchte mich hier nicht mit diesen einzelnen Argumenten auseinander setzen – die sind zum Teil ohnedies sonnenklar oder jede und jeder kann sie nachlesen.

Ich finde die Stellungnahme und Vertiefung des führenden Experten bei der Novelle, Prof. Markus Hengstschläger, am interessantesten und werde mir dazu einige Anmerkungen erlauben – und dann noch eine kleine Parallele ziehen.

Professor Hengstschläger argumentierte in einem Kurier-Interview aufs Wesentliche reduziert so:

1) Österreich zieht lediglich anderen Ländern nach.

2) Die derzeitige Situation in Österreich ist ethisch nicht vertretbar, da wir „es uns nicht leisten (können), einen Embryo, der nicht lebensfähig ist, in eine Gebärmutter einzusetzen, und einer Frau, die dadurch mehrere erfolglose IVF-Zyklen und damit hohe physische, psychische und auch ökonomische Belastungen aushalten muss, zu sagen: Ja, leider, aus ethischen Gründen dürfen wir den Embryo nicht auf seine Lebensfähigkeit untersuchen. Und wir können es uns ethisch auch nicht leisten, Paaren zu sagen: Wenn Sie Geld haben, fahren Sie ins Ausland, wenn Sie keines haben, dann haben Sie Pech gehabt. Wir können auch nicht die PID verbieten und den Spätabbruch erlauben.“

3) Die biologische Elternschaft wird überschätzt, das Ganze ist eine gesellschaftspolitische Debatte: “ Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle. Wichtig sind die unmittelbaren Bezugspersonen.“ Und: Es „ist eine gesellschaftspolitische Debatte: Möchte ich, dass Kinder zu Beginn ihres Lebens zumindest die Chance auf zwei Elternteile haben? Das ist eine Frage des Familienbegriffs. Biologisch gesehen gäbe es natürlich kein Problem. Das Einfrieren von Eizellen für späteren Kinderwunsch führt hingegen von der Medizin weg in Richtung medizinische Dienstleistung.“

Meine Antworten dazu:

Zu Punkt 1) – Östereich zieht nur nach:
So what? Man muss ja nicht Zwentendorf bemühen und dass Österreich da auch seinen eigenen Weg gegangen ist und wir alle weiter leben (von Fukushima, Tschernobyl etc. reden wir jetzt gar nicht). „It’s the economy, stupid“, hat Bill Clinton gesagt – und was in der Wirtschaft passiert, wenn immer nachgezogen wird, sehen wir bei Steuerdumping (Stichwort Gruppenbesteuerung), Lohn- und Sozialdumping etc. grad eindrucksvoll.

Für mich ist das einfach kein Argument.

Ja, Menschen müssen dann weiter ins Ausland fahren, wenn sie das wollen. Und? Ich meine, man muss das eben nicht wollen und ein Staat kann das durchaus klar kund tun.
Auch der gern gebrachte Hinweis auf die in Österreich (wahrscheinlich, vielleicht) bessere Qualität fällt da hinein: erstens unsicher, zweitens so what, drittens haben wir es hoffentlich nicht so weit gebracht, den östereichseitigen Überhang des IVF-Tourismus gesamtwirtschaftlich zu brauchen.

Zu Punkt 2) – Die derzeitige Situation ist ethisch nicht vertretbar, also müssen wir sie ändern:
Ja, gut möglich und gut dargestellt. Aber wer sagt, dass die Änderung in DIESE Richtung gehen muss? Man könnte genau so gut die IVF generell wieder einstellen und den Spätabbruch sowieso. Zum Ausland habe ich unter Punkt 1 schon geschrieben, was zu schreiben war.

Zu Punkt 3) – Es ist eine gesellschaftspolitische Debatte und biologische Elternschaft wird überschätzt.
Ja, es ist eine gesellschaftspolitische Debatte. Die (medizinische, aber auch die generelle) Wissenschaft zieht sich dann ganz gern auf den Standpunkt zurück: Wir liefern euch nur die Erkenntnisse – ihr tut damit, was ihr wollt.
Das ist – nicht erst seit und nicht endend bei der Entwicklung der Atombombe – eine ganz schwierige Situation.

Aber noch mal: ja, es ist eine gesellschaftspolitische Sache und eine des Familienbegriffs. Und wohin sich der faktisch zu bewegen scheint, sehen wir auch alle: Patchwork, Auflösung, Freiheit, Lebensabschnitte – mit allen Konsequenzen in alle Richtungen (auch positive)

Und, aber: Ich bin zwar kein hochdekorierter Humangenetiker, aber auch kein Depp und würde mir nie im Leben einen Satz zutrauen wie: „Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle.“

Es gibt schlicht nichts, das für die Entwicklung eines Kindes keine Rolle spielt – und man muss sich nicht mal extrem mit Familiensystemen befassen, um etwa zu wissen, welche Auswirkungen sogar ein vergessener, verdrängter Onkel etc. auf ein Familiensystem und auf das konkrete Leben jedes Menschen haben kann.

Diese Aussage ist einfach fahrlässig.

 

Der weite Querpass zur Prostitution

Zum Abschluss – sorry für die Länge – ein Querpass zu einem weit entfernt scheinenden Thema. Kürzlich geriet ich auf facebook in eine Diskussion zum Thema Prostitution. Diese speiste sich aus zwei Links:

Einem Video, das zeigt, wie normal das Leben einer Sexarbeiterin abläuft und einer Umfrage des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., was man sagen würde, wenn man jemanden kennen lernt, der sich prostituiert. 

Der Kern der beiden Debatten war: ist Prostitution nicht eine Arbeit wie jede andere und ist es nicht besser als im Supermarkt an der Kasse zu sitzen? Und ist das normale Leben nicht eben einfach so wie gezeigt (Kaffee aus 2 Löffeln Zucker, zwei Löffeln Instant-Pulver mit heißem Wasser, zu spät in die Arbeit, dort den ganzen Tag dazwischen TV schauen und in Reisebürokatalogen blättern)?

Ich meine natürlich wenig überraschend: Nein, ist nicht dasselbe.

Zum einen, weil sexuelle körperliche Vereinigung doch etwas anderes ist als Kassieren im Supermarkt. So gefühlt generell und – und hier schließt sich der Kreis zur IVF-Debatte – weil körperliche Vereinigung (Geschlechtsverkehr) schon der Weg ist, wie wir Leben auf der Erde weiter geben. Und das alles mit einem absoluten „Ist ja egal, und wir leben alle auf einem Markt“ abzutun – das finde ich einfach sehr, sehr traurig.

Das Leben hat uns und wir haben dem Leben mehr zu bieten.

 

Ehe und Familie: es genügt, die Papiertüten wegzulassen

1012450Im Winter gab es ja im Vorfeld der heute so richtig beginnenden vatikanischen Synode zu Ehe und Familie den berühmten „Fragebogen“. Ich möchte daran erinnern, dass manche versucht haben, das zu hintertreiben und von der Wirklichkeit so enttarnt wurden wie kleine Kinder, die sich eine Papiertüte über den Kopf ziehen und dann glauben, dass sie jetzt niemand sieht, nur weil sie selber niemanden sehen.
Die Wirklichkeit aber ist: die „Erwachsenen“ haben alles gesehen, nicht nur die Kinder, sondern auch die Welt.

Bei „uns“ in der Diözese St. Pölten haben ja tatsächlich nur 156 Menschen den Fragebogen beantwortet – also kein Bedürfnis und eh alles super, die Leute dumm, keine Ahnung und uninteressiert, richtig?

Die Wahrheit ist: der Fragebogen wurde von der Diözesanleitung – warum auch immer, mit Absicht, aus Unwissenheit und Fehleinschätzung, wegen verlorenen Kontakts zu den Menschen – praktisch verschwiegen, nur lieblos und umkommentiert auf eine Unterseite der Homepage gestellt.
Manche Pfarreien haben ihn in Eigenregie (denn aus der Diözese kam eben nichts) halbherzig aufgelegt – das heißt: in der Version, wie er ursprünglich an die Bischöfe raus ging, also mit Fragen und in Reihenfolgen, die für das Volk nicht sinnvoll zu beantworten waren (wie eben auf der DSP-Homepage).

Als Beispiel dazu die ersten drei Fragen im Wortlaut, wie sie Gläubige beantworten hätten sollen:

„1. Wie steht es um die wirkliche Kenntnis der Lehren der Bibel, um die Kenntnis von „Gaudium et spes“, „Familiaris consortio“ und anderer Dokumente des nachkonziliaren Lehramtes über die Bedeutung der Familie nach der Lehre der katholischen Kirche?
2. Wird die Lehre der Kirche dort, wo sie bekannt ist, ganz angenommen? Zeigen sich bei ihrer Umsetzung in die Praxis Schwierigkeiten? Welche?
3. Wie wird die Lehre der Kirche im Kontext der Pastoralprogramme auf nationaler, diözesaner und Pfarreiebene verbreitet? Wie sieht die Katechese über die Familie aus?“

Spart mir bitte jeden Kommentar dazu.

Viele (also die es WIRKLICH interessiert hat) haben den FB dann in überarbeiteter Form im Internet beantwortet, vornehmlich auf der Seite der Diözese Graz-Seckau, die fast schon absurd hohe Teilnahmezahlen hatte, eben wegen der Teilnehmer von außen. Dadurch ergaben sich dort auch 96 % für die Sakramentsteilnahme von Wiederverheirateten.

Also: die Papiertüte nützt nichts. Sie verhindert nicht, dass jemand gesehen wird. Sie hindert denjenigen nur daran, selber zu sehen.

Ziel dieser Vorbereitungssynode wäre also ganz einfach: Papiertüten abgeben.

„Religion“ Rapid: Von der Pfarrwiese zur Großbaustelle

 

Am Sonntag war ich mit meinem Sohn beim letzten Spiel in „St. Hanappi“, der „heiligen“ Stätte von Rapid Wien. Das Spiel war mäßig, die Show zu hektisch – daher viel Zeit, um Gedanken nachzuhängen, ohne sie groß fertig zu denken.

Da wurde zB so getan, als hätte die Geschichte Rapids mit dem Hanappi-Stadion (das in seinen ersten Jahren ja einfach West-Stadion hieß und erst nach dem Tod des Ex-Rapidlers und Stadion-Architekten Gerhard Hanappi dessen Namen erhielt) begonnen.

Dabei bin sogar ich noch auf die knapp 500 Meter entfernt gelegen gewesene „Pfarrwiese“ gegangen – und dort hatte immerhin ein gewisser Hans Krankl seine große Karriere begonnen. – Krankl übrigens abwesend beim Abschiedsspiel, „Terminprobleme“ – oder doch in seinen Augen nicht genug erwiderte Liebe seitens des Vereins? Es wird schon religiös …

Das „St.“ zum Hanappi hat, wenn ich es richtig im Kopf habe, Josef Hickersberger als Trainer erfunden während einer Saison, in der Rapid Meister wurde.

Und St. Hanappi, das ist für die Rapid-Fans wirklich religiöser Boden – und darüber soll man sich nicht lustig machen, finde ich.

Berührend und gleichzeitig erschreckend etwa, wie über die ganze Westtribüne handgearbeitete Vollflächentransparente mit fußballhistorischen Szenen gerollt wurden. Wer hat die Zeit, das herzustellen? Es ist wohl eine Facette der Arbeite- und Inhaltslosigkeit, die einem da entgegen tritt.

Nach Spielende dann absolute „Rapid, Rapid ist unser Leben“-Stimmung.

Was ist es, das einen Fußballklub zur scheinbar einzigen Bindung an das Leben macht?

Welche Mechanismen wirken, die einen Fußballklub wirklich zur Religion machen?

Was erwarten sich, was fordern die Fans (von „Fanatiker“!) von den Trägern ihrer Religion?

Was passiert, wenn das nicht erfüllt wird?

An die Stelle von „St. Hanappi“ kommt in ca. zwei Jahren (wenn alles klappt) das „Allianz-Stadion“, benannt nach und mitbezahlt von einer Versicherung.

Zeichen der Zeit? Worauf bauen die alle?

***

Nachtrag: anlässlich der WM und auch mit einem kleinen Blick nach Wien behandelte die Religionsabteilung des ORF nun das Thema auch – mehr hier!

Zurück zur Normalperspektive

Vielleicht ist es mit dem Fotografieren so wie mit dem Leben.

Manchmal gehen wir sehr nah an die Dinge heran und entdecken ganz neue Perspektiven. Oder wir vergraben, verbeißen uns in Diskussionen – öffentliche über die Bundeshymne oder gleichgeschlechtliche Elternschaft zum Beispiel oder private über – nun: Privates.

Dann setzen wir wieder den Weitwinkel auf und suchen ungewöhnliche Bilder, wo sich die von unserer Auge fest gefügten Linien ein bisschen verziehen, auflösen.

Da tut es gut, wieder einmal auf die normale Brennweite zurückzugehen. So sind diese Bilder entstanden: normaler Spaziergang, wechselndes Licht, normale Brennweite.

 

Die Balance zwischen Tratsch und Angstschweigen

DSC_0012„Der Prüfstein einer außerordentlichen Intelligenz“, so ca. hat es F. Scott Fitzgerald einmal geschrieben, „ist, zwei einander entgegen gesetzte Ideen gleichzeitig zu verfolgen und trotzdem funktionsfähig zu bleiben.“

Die heutige Evangeliumsstelle kommt da einmal recht unscheinbar daher und lässt sich auch so interpretieren und be-predigen, dass wir gefälligst hinaus gehen und verkündigen sollen und jeden Sonntag unbedingt in die Kirche. Doch allein, wenn man das hört, regen sich (bei mir) zwei einander widersprechende Impulse:

Impuls 1: ja, tu ich eh im Grunde – außer wenn das Wetter für Sonntag so schön angekündigt ist und mein Körper (der Tempel Gottes immerhin :-)) nach Bewegung ruft, da wird es dann die Vorabendmesse.
Impuls 2: langweilig, zu wenig, passt irgendwie nicht und auch das falsche Publikum.

Dann heute morgen vor dem Frühstück und der Sonnenrunde eine Konversation auf Facebook, die ich hier einfach (gekürzt) wiedergeben möchte:

ÖFFENTLICH

Sie flehte ihn an, sie wenigstens vor der Öffentlichkeit zu verschonen. Er habe kein Recht, das Wissen preiszugeben, das sie ihm allein anvertraut hatte. Und ohne ihren eigenen privaten Schutzraum könne sie gar nicht leben, abgesehen davon, dass die Geheimnisse ihres Lebens niemanden etwas angehen würden.

Er gab alles preis. Er verbreitete öffentlich, was sie in der glücklichen Zeit ihrer Beziehung unter sich ausgetauscht hatten. Die gerichtlichen Bescheide fielen dementsprechend hart aus. Mehr als alles andere hatte sie damals der Verrat des Vertrauens verletzt. Inzwischen hat sie ihren eigenen Garten schützen gelernt. Sie grenzt sich deutlicher ab und kann sich mehr und mehr verteidigen.

Das Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen gehört zum delikaten Teil unserer Geschichte – nicht nur im intimen Bereich der Beziehungen. Genauer besehen macht die Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen vielleicht sogar den entscheidenden Teil der modernen Geschichte aus. Denn einerseits ging es darin um die Eroberung der Menschenwürde mit dem Schutz der Privatsphäre – und andererseits um das Recht zur freien öffentlichen Meinungsbildung.

(…)

In dem heute öffentlich verlesenen Text steht geschrieben:

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“

Das Evangelium ging davon aus, dass alle Menschen von „Ich bin da“ gleichermaßen anerkannt sind – auch in ihren gegenseitigen Verstrickungen. Dieses Vertrauen in den Grund des Daseins, so die Zuversicht, werde die Menschenfurcht auflösen:

„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,26 ff)

Offenbar gehört beides zusammen: Die unbedingte Selbstachtung, welche das Eigene abzugrenzen und zu schützen weiß – und der Mut, ständig neu die Offenlegung von dem zu fordern, was alle angeht. Wenn „vor Gott“ nichts verborgen ist, dann gibt es nichts, was ich vor mir selbst geheim halten muss – und nichts Öffentliches, was den Mächtigen zu wissen vorbehalten ist. Dass ausgerechnet die kirchliche Hierarchie diese ihre ‚magna charta libertatum‘ in der Neuzeit lange verkannt hat, gehört zur tragischen Seite des Christentums.

Wir können die Angst vor der freien und kritischen Kommunikation verlieren, weil wir vom Grund der Freiheit ohne Vorbehalte anerkannt sind. Das ermutigt dazu, uns vor dem Zugriff auf diese Freiheit selbst zu schützen – auch durch die Kritik der „öffentlichen Meinung“.

Die Menschlichkeit entsteht aus dieser Balance.

P.E.

———

Thomas Pöll: Puh…. Da schließen sich so viele Fragen an, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann…. Und ja, aus der Balance entsteht die Menschlichkeit, das stimmt!!!!

P.E.: Thomas Pöll, Ich nenne mal wenigstens zwei von den „vielen Fragen“, die sich kaum vermeiden lassen: Der Nationalsozialismus wäre kaum möglich gewesen, wenn die Freiheit zur öffentlichen Meinung und die offene Disskussion im Parlament nach dem ersten Weltkrieg nicht von allen Seiten erstickt worden wäre. Von der konservativen Seite zum ständischen Schutz, von revolutionärer Seite zum Machtgewinn und von der liberalen Seite zum Schutz industrieller Privilegien. Und heute ist der Schutz des Privaten und das Recht zur öffentlichen Kritik von dem, was durch Kontrolle von NSA und anderen Sicherheitsdiensten den Kern der Macht bildet, aufs Äußerste bedroht – wenn auch auf noch kaum erkannte Weise. Trotz der vielen Fragen gefällt mir die Verankerung in einem inneren Bewusstsein, das sich vorbehaltlos anerkannt weiß – und sich demnach auch schützen und öffentlich verteidigen kann.

TP: Ja, PE, zum Beispiel. Ich bin auch sehr beeindruckt von den Beispielen aus dem, was sich – eben – Privatleben nennt. Wem vertraut man etwas an, das sonst „niemanden etwas angeht“ und was tut man, wenn es ans Licht gezerrt wird? Auf der anderen Seite: was ist das für ein Phänomen wie zB hier auf facebook, alle möglichen Dinge „bekannt zu machen“, zu trommeln? Dann natürlich: was ist mehr „Wert“ – über Dinge „gnädig“ hinweg zu sehen oder „durch Kritik zu helfen“?Letztlich müssen wir uns immer fragen: dient es dem Leben? Und dann die nächste Frage: was ist das, das Leben? Und welches, wessen Leben meinen wir? Jetzt gerade, in diesem Augenblick? Welches in der nächsten Stunde?Deswegen finde ich das mit der Balance so gut. Auch Jesus Christus hat ja auf der sprachlich dargestellten Ebene durchaus Widersprüchliches gesagt – und doch aus einem Guss GEHANDELT.
DIESEN Guss finden – das ist es, glaube ich.

PE: Eine Formulierung der Balance kann auch sein: Ein gutes Verhältnis zwischen der gezielten Nichtwahrnehmung von Tratsch, Unsinn und Bösartigkeit einerseits und dem Mut zur konkreten Negation von unerträglichem Handeln anderer zu finden.

PE: Und eine andere Variante: Wenn „Ich bin da“ die Sünden der anderen und meiner selbst besser kennt als alle anderen, dann muss ich sie ja nicht ständig auch noch selber veröffentlichen.