Die Drohne als Wille und Vorstellung

Der Drohnenabsturz knapp hinter dem vierfachen Skiweltcupsieger Marcel Hirscher erinnert mich an die Wahrheit hinter einer immer mehr verpönten Lebenseinstellung.

Drohne stürzt hinter Harscher beim Slalom in Madonna di campiglio 2015Er hätte tot sein können. Wahrscheinlich wäre er tot gewesen.
Warum hat eigentlich niemand diese Worte verwendet? Warum steht in den Headlines in verniedlichenden Anführungszeichen: Hirscher entgeht „Katastrophe“?

Ich meine: Die Anführungszeichen kommen nicht, weil der Tod eines Top-Sportlers weltpolitisch und vor dem Hintergrund von Flüchtlingsströmen und Massentod im Meer oder sonstwo auf dem Weg nicht als Katastrophe durchgeht. Der Grund ist, dass man nicht wahr haben will, was da passiert ist und wofür es steht.

Ach so – das mit dem Fliegen mit Drohnen ist in Österreich ohnedies nicht erlaubt und in Italien (interessant, dass der Skiort des Geschehens Madonna di Campiglio heißt, auf deutsch veraltet Sankt Maria im Pein) auch eigentlich nicht über Menschen?

Ja genau.

Eigentlich ist das Gesetz und war ja auch die Abmachung vor Ort ganz klar: kein Fliegen über Menschen und schon gar nicht über der Spur der Rennläufer.

Nur: Direkt verantwortlich für den Einsatz war der TV-Rechteinhaber Innfront – und der hat die Aktion entweder sogar angeordnet („Und wenn dann keiner mehr genau schaut, dann fliegst ein bissl näher, gibt bessere Bilder“ oder so) oder nicht genügend kontrolliert.

Ja, und so läuft das.

Und so kann das nur dort laufen, wo das Drohnenfliegen nicht komplett verboten ist.

Es geht immer wieder um ein Umfeld, das geschaffen wird und in dem dann eh Sicherheitsbestimmungen eingezogen sind und alles mögliche – und dennoch passieren dann Dinge, die niemals passieren dürften.

Und so – und das ist der Punkt, den ich machen will – ist es auch mit gar nicht so wenigen Gesetzen und Regelungen, die unter dem Deckmäntelchen des Fortschritts oder des längst nötigen Nachziehens oder der Anpassung an die heutige Realität gemacht werden.

Ich selber denke da an das österreichische Fortpflanzungsgesetz, dessen Beschluss vor fast einem Jahr letztlich genau damit argumentiert wurde, dass es ein längst nötiges und logisches Nachziehen ist und dass ohnedies genaue Regelungen und Überprüfungen vorgesehen sind. Und niemand weiß, ob damit nicht übelster Geschäftemacherei Tür und Tor geöffnet sind (bzw. wird das mit einem Achselzucken abgetan, dass so was halt immer passiert und die Schurken immer einen Weg finden) – und schon gar niemand weiß, welche gesellschaftlichen und menschlichen Folgen dieser Pfad hat.
Aber man kann da auch an viel profanere Dinge denken wie Geldmarktderegulierungen, Billigstbieterprinzipien etc.

Klingt nach „Wehret den Anfängen“ und das ist es auch ein bisschen, zugegeben – aber es ist mehr.

Was es in Wahrheit ist: Der Mensch muss wohl mal einsehen, dass sein Verstand ein sehr, sehr scharfes Werkzeug ist, das im Laufe der Geschichte immer schärfer wird und das wir für Gutes und Böses einsetzen können. Noch deutlicher: Wir haben gar nicht die Wahl, dieses Werkzeug in immer anwachsender Schärfe einzusetzen.

Aber wir brauchen mit zunehmender Schärfe des Verstandes zunehmend mehr einen Bezugspunkt, der uns Perspektive gibt und uns in einem Bereich hält, der das Leben fördert und es nicht opfert auf dem Altar von Geld, Ruhm und Macht.

Ich nenne diesen Bezugspunkt Gott.

Sie können ihn natürlich auch anders nennen – aber: bitte keine Drohnen. Nie und nirgends.

 

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Fortpflanzung – alles ganz normal?

Markus Hengstschläger zur Fortpflanzungsdebatte

Markus Hengstschläger verteidigt den Entwurf – aber es gibt auch dagegen Argumente.

Was die geplante Novelle zum IVF-Gesetz mit dem Leben von Prostituierten zu tun hat.

„Erleichterung für künstliche Befruchtung: Experte lobt, Kirche dagegen“ – so einfach wie eine Zusammenfassung auf nachrichten.at kann das Leben manchmal sein. Oder doch nicht?

Neu erlaubt sollen – so die Novelle mit einer an schwarz-blaue Zeiten gemahnenden Kürzestbegutachtungsfrist bis 1.12. – sein:

Samenspende: Lesbischen und heterosexuellen Paaren soll die Erfüllung eines Kinderwunsches durch eine Samenspende und eine Befruchtung im Reagenzglas ermöglicht werden. Bisher war das nur erlaubt, wenn der Samen direkt in die Gebärmutter der Frau eingebracht wurde.
Eizellspende: Die Empfängerin darf nicht älter als 45, die Spenderin nicht älter als 30 Jahre sein. Die Kinder bekommen das Recht, ab 14 den Namen des Spenders zu erfahren. Das Spenden von Samen- und Eizellen darf nicht kommerziell genützt werden.
Präimplantationsdiagnostik: ein Embryo darf vor Einpflanzung in die Gebärmutter untersucht werden nach drei oder mehr erfolglosen IVF-Zyklen, drei Fehlgeburten und wenn aufgrund der genetischen Veranlagung zumindest eines Elternteils die Gefahr besteht, dass es zu einer Fehlgeburt oder schweren Erbkrankheit des Kindes kommt.

Nicht erlaubt bleiben IVF bei alleinstehenden Frauen und das sogenannte Social Freezing – das Einfrieren von Eizellen für spätere Befruchtung (meistens im Zusammenhang mit Karrieregründen)

Doch was sagt einer der wichtigsten Betreiber dazu und was kann man ihm entgegen halten?

Naturgemäß brach in der digitalen und medialen Öffentlichkeit ein Hin-und-Her los. Die Extrempunkte lieferten Homosexuellen-Initiative auf der einen und der römisch-katholische Familienbischof Klaus Küng auf der anderen Seite, sprich: schrecklicher Dammbruch für den Bischof und zu kurz gegriffen für die Homosexuellenvertreter (nach ihnen wäre es nur logisch gewesen, allein stehenden Frauen ebenfalls IVF zu ermöglichen).

Ich möchte mich hier nicht mit diesen einzelnen Argumenten auseinander setzen – die sind zum Teil ohnedies sonnenklar oder jede und jeder kann sie nachlesen.

Ich finde die Stellungnahme und Vertiefung des führenden Experten bei der Novelle, Prof. Markus Hengstschläger, am interessantesten und werde mir dazu einige Anmerkungen erlauben – und dann noch eine kleine Parallele ziehen.

Professor Hengstschläger argumentierte in einem Kurier-Interview aufs Wesentliche reduziert so:

1) Österreich zieht lediglich anderen Ländern nach.

2) Die derzeitige Situation in Österreich ist ethisch nicht vertretbar, da wir „es uns nicht leisten (können), einen Embryo, der nicht lebensfähig ist, in eine Gebärmutter einzusetzen, und einer Frau, die dadurch mehrere erfolglose IVF-Zyklen und damit hohe physische, psychische und auch ökonomische Belastungen aushalten muss, zu sagen: Ja, leider, aus ethischen Gründen dürfen wir den Embryo nicht auf seine Lebensfähigkeit untersuchen. Und wir können es uns ethisch auch nicht leisten, Paaren zu sagen: Wenn Sie Geld haben, fahren Sie ins Ausland, wenn Sie keines haben, dann haben Sie Pech gehabt. Wir können auch nicht die PID verbieten und den Spätabbruch erlauben.“

3) Die biologische Elternschaft wird überschätzt, das Ganze ist eine gesellschaftspolitische Debatte: “ Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle. Wichtig sind die unmittelbaren Bezugspersonen.“ Und: Es „ist eine gesellschaftspolitische Debatte: Möchte ich, dass Kinder zu Beginn ihres Lebens zumindest die Chance auf zwei Elternteile haben? Das ist eine Frage des Familienbegriffs. Biologisch gesehen gäbe es natürlich kein Problem. Das Einfrieren von Eizellen für späteren Kinderwunsch führt hingegen von der Medizin weg in Richtung medizinische Dienstleistung.“

Meine Antworten dazu:

Zu Punkt 1) – Östereich zieht nur nach:
So what? Man muss ja nicht Zwentendorf bemühen und dass Österreich da auch seinen eigenen Weg gegangen ist und wir alle weiter leben (von Fukushima, Tschernobyl etc. reden wir jetzt gar nicht). „It’s the economy, stupid“, hat Bill Clinton gesagt – und was in der Wirtschaft passiert, wenn immer nachgezogen wird, sehen wir bei Steuerdumping (Stichwort Gruppenbesteuerung), Lohn- und Sozialdumping etc. grad eindrucksvoll.

Für mich ist das einfach kein Argument.

Ja, Menschen müssen dann weiter ins Ausland fahren, wenn sie das wollen. Und? Ich meine, man muss das eben nicht wollen und ein Staat kann das durchaus klar kund tun.
Auch der gern gebrachte Hinweis auf die in Österreich (wahrscheinlich, vielleicht) bessere Qualität fällt da hinein: erstens unsicher, zweitens so what, drittens haben wir es hoffentlich nicht so weit gebracht, den östereichseitigen Überhang des IVF-Tourismus gesamtwirtschaftlich zu brauchen.

Zu Punkt 2) – Die derzeitige Situation ist ethisch nicht vertretbar, also müssen wir sie ändern:
Ja, gut möglich und gut dargestellt. Aber wer sagt, dass die Änderung in DIESE Richtung gehen muss? Man könnte genau so gut die IVF generell wieder einstellen und den Spätabbruch sowieso. Zum Ausland habe ich unter Punkt 1 schon geschrieben, was zu schreiben war.

Zu Punkt 3) – Es ist eine gesellschaftspolitische Debatte und biologische Elternschaft wird überschätzt.
Ja, es ist eine gesellschaftspolitische Debatte. Die (medizinische, aber auch die generelle) Wissenschaft zieht sich dann ganz gern auf den Standpunkt zurück: Wir liefern euch nur die Erkenntnisse – ihr tut damit, was ihr wollt.
Das ist – nicht erst seit und nicht endend bei der Entwicklung der Atombombe – eine ganz schwierige Situation.

Aber noch mal: ja, es ist eine gesellschaftspolitische Sache und eine des Familienbegriffs. Und wohin sich der faktisch zu bewegen scheint, sehen wir auch alle: Patchwork, Auflösung, Freiheit, Lebensabschnitte – mit allen Konsequenzen in alle Richtungen (auch positive)

Und, aber: Ich bin zwar kein hochdekorierter Humangenetiker, aber auch kein Depp und würde mir nie im Leben einen Satz zutrauen wie: „Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle.“

Es gibt schlicht nichts, das für die Entwicklung eines Kindes keine Rolle spielt – und man muss sich nicht mal extrem mit Familiensystemen befassen, um etwa zu wissen, welche Auswirkungen sogar ein vergessener, verdrängter Onkel etc. auf ein Familiensystem und auf das konkrete Leben jedes Menschen haben kann.

Diese Aussage ist einfach fahrlässig.

 

Der weite Querpass zur Prostitution

Zum Abschluss – sorry für die Länge – ein Querpass zu einem weit entfernt scheinenden Thema. Kürzlich geriet ich auf facebook in eine Diskussion zum Thema Prostitution. Diese speiste sich aus zwei Links:

Einem Video, das zeigt, wie normal das Leben einer Sexarbeiterin abläuft und einer Umfrage des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., was man sagen würde, wenn man jemanden kennen lernt, der sich prostituiert. 

Der Kern der beiden Debatten war: ist Prostitution nicht eine Arbeit wie jede andere und ist es nicht besser als im Supermarkt an der Kasse zu sitzen? Und ist das normale Leben nicht eben einfach so wie gezeigt (Kaffee aus 2 Löffeln Zucker, zwei Löffeln Instant-Pulver mit heißem Wasser, zu spät in die Arbeit, dort den ganzen Tag dazwischen TV schauen und in Reisebürokatalogen blättern)?

Ich meine natürlich wenig überraschend: Nein, ist nicht dasselbe.

Zum einen, weil sexuelle körperliche Vereinigung doch etwas anderes ist als Kassieren im Supermarkt. So gefühlt generell und – und hier schließt sich der Kreis zur IVF-Debatte – weil körperliche Vereinigung (Geschlechtsverkehr) schon der Weg ist, wie wir Leben auf der Erde weiter geben. Und das alles mit einem absoluten „Ist ja egal, und wir leben alle auf einem Markt“ abzutun – das finde ich einfach sehr, sehr traurig.

Das Leben hat uns und wir haben dem Leben mehr zu bieten.

 

Warum Work-Life-Balance das falsche Ziel ist

Zwischen Arbeit und Leben gibt es ohnedies schon zu wenig Unterschied – ich plädiere daher für ein neues Modell.

20140120-093923.jpgMit schöner Regelmäßigkeit tritt es immer wieder auf: das Wort von der Work-Life-Balance. Es zeigt sich recht gern zusammen mit seiner größeren Schwester, dem Wort Burnout. Nur dass das ein noch viel ernsteres Wort ist – oder besser: viel Ernsteres zum Thema hat.

So wie beim Burnout häufen sich auch immer mehr kritische Anmerkungen.

Beim Burnout geht das von „Das ist ja gar keine anerkannte Krankheit“ über „Die sollen sich nicht so anstellen, anstrengend war das Leben immer – sie sollen halt ein paar Entspannungstechniken lernen“ bis zu „ich kann mir das nicht leisten – darüber auch nur nachzudenken, hab ich keine Zeit.“

Das Gleichgewicht von Arbeit und Leben – gibt es das überhaupt?

Die neueste „kritische Anmerkung“ zum Thema „Work-Life-Balance“ kommt von einem Karriere-Internet-Portal und argumentiert in etwa so:

  • Work-Life-Balance kann schon allein aus zeitlichen Gründen nicht funktionieren – denn bei 10 Stunden Arbeit und 8 Stunden Schlaf bleiben grad einmal 6 Stunden für den Rest des Lebens, die Balance eingeschlossen.
  • Das Gleichgewicht kann man nicht finden, weil die Trennung von Arbeit und Freizeit in „hier gute Freizeit, da böse Arbeit“ nicht gut ist.
  • Fazit: „Grund genug also, um über eine sinnerfüllte Arbeit nachzudenken.“

Stimmt schon – ist aber nur ein Teil der Lösung.

Denn selbst wenn Arbeit sinnerfüllt ist, kann das innere Gleichgewicht nicht stimmen, kann es zu Zusammenbrüchen kommen, und zwar  

  • körperlich (weil zu viel sinnerfüllte Arbeit noch immer „zu viel“ ist),
  • geistig (weil der Ausgleich fehlt)
  • und von Beziehungen zu Partnern, Freunden, Kindern etc.

Life-Life- statt Work-Life-Balance

image

Mein Vorschlag ist: Suchen wir statt nach der Work-Life-Balance die „Life-Life-Balance“: ein ausgeglichenes Leben in einem sich in Variationen wiederholenden Rhythmus von Belastung und Erholung in allen Bereichen des Lebens – und natürlich auf der Basis eines Sinns.

Aber dieser Sinn muss nicht auf einem zu hohen Regal liegen. Er muss nicht die Rettung der Welt oder etwas Vergleichbares sein. Er kann auch ganz klein und bescheiden sein – dort, wo wir lernen, das Wesentliche zu sehen anstelle des Brimboriums, des Geschnatters und des Eindruckschindens. – Und da liegt ja auch schon „Schinden“ drin.

Warum nicht nur die Branche Scheiße ist – oder?

Zwei HuffingtonPost_AngebotMeldungen praktisch am selben Tag: Die Huffington Post Deutschland kann sich vor ihrem Start am 10. Oktober des Ansturms an Bloggern nicht erwehren. Die Bloggerinnen und Blogger nehmen das Angebot an, gratis für die HuffPo zu schreiben. Sie bekommen dafür a) die Aussicht auf Bekanntheit und b) die Möglichkeit, auf ihre eigene Webpage zu verlinken, um dort eventuell Geld zu verdienen.

Die zweite Meldung: Der Axel-Springer-Verlag übernimmt die Freizeitsportseite/Applikation „runtastic“ (aus Linz).

Die gleiche Springer AG, deren Vorsitzender Mathias Döpfner im Frühjahr über die Huffington Post und deren Avancen gesagt hatte: Genau dieses Geschäftsmodell, inklusive der Aggregation von Inhalten anderer Medien, sei „das Anti-Geschäftsmodell für Journalismus“.

Wohin läuft der Hase also?

Zwei Mal verdienen Schreiber nichts.

„Schreiber“ deshalb, weil es nicht korrekt ist, Blogger und Journalisten in einen Topf zu werfen. Es gibt da zwar eine riesige Grauzone, aber Blogger haben an sich einen geringeren und gesetzlich anders gearteten Wahrheits- und Genauigkeitsanspruch als „echte“ Journalisten (jetzt einmal sehr schlampig ausgedrückt, aber es geht um die Richtung) und da kommt möglicherweise noch einiges auf sie zu. – Für Fotografen gilt übrigens das Gleiche, die werden da oft vergessen.

Bei Springer – einem der renommiertesten Verlagshäuser immerhin – verdienen sie nichts, weil es bei Runtastic gar keinen Content gibt, für den was zu bezahlen wäre. (Ich weiß schon, Springer würde jetzt sagen, sie finanzieren mit den Einnahmen von Runtastic oder ähnlichem die „echten“ verlegerischen Produkte quer – wird schon so sein, aber na ja, wo geht die Reise hin?).

Ein Berufsfreund kommentiert das trocken so: „Content ist gratis, aber die Werbeeinnahmen gehen trotzdem weiter. Und die werden jetzt in Technologie investiert. Daten sind das neue Gold.“

Und bei der HuffPo verdienen sie nichts, weil sie eben nichts bekommen außer die Aussicht, eventuell später über ihre eigene Seite oder ihren Bekanntheitsgrad, der ihnen vielleicht einen bezahlten Auftrag verschaffen könnte, etwas zu bekommen.

Bleiben wir bei der Huffington Post.
Ist deren Angebot eigentlich unmoralisch?

Einige Menschen, mit denen ich diskutiert habe, meinen: Nein. Es geht um freie Marktwirtschaft und so lange man jemanden findet, der es gratis macht, ist die Anfrage an Blogger nicht zu verurteilen.

Dass das jedwedem Dumping Tür und Tor öffnet, ist klar.

Im Endeffekt kommen wir dann vielleicht auch mal dorthin, dass Blogger & Co. nicht nur nichts bekommen, sondern zahlen müssen für die Veröffentlichungsmöglichkeit in einem reichweitenstarken Medium. Schließlich ist es ja Werbung für sie.

Ein ehemaliger Chef von mir erklärte seinen Ausstieg aus dem Internet-Medien-Business lapidar mit folgenden Worten: „Die Branche ist Scheiße.“

Möglicherweise hat er Recht.

Möglicherweise greift er aber zu kurz.

Denn es geht letztlich nicht nur um Schreiber, Fotografen und alle, die sich in der „Publikationsbranche“ tummeln.

Letztlich geht es um den gesamten Bereich der bezahlten Arbeit. Die Publikationsbranche ist da nur ein sehr gut passender und sehr leicht zu „bearbeitender“ Einstieg.

„So lange man jemanden findet, der es billiger macht (oder gratis oder etwas dafür zahlt, es machen zu dürfen), sind solche Ansinnen okay“: das führt im Endeffekt dazu, dass niemand mehr was zahlt und dass die Wirtschaft „steht“, weil sich niemand mehr was kaufen kann (außer ein paar Superreichen und Lottogewinnern am Kiosk oder in der Finanzbranche).

Und da spreche ich noch nicht einmal über die menschliche Dimension. Das vielleicht ein andermal.

Journalismus: keiner zahlt, einer versteht?

Lotterfacebook„Journalismus ist, wenn am Ende mehr als einer verstanden hat, worum es geht. Alles andere ist nicht Journalismus. Egal auf welchem Kanal.“

Das schreibt die aus Wien stammende Wirtschafts-Edelfeder Wolf Lotter auf facebook  (ursprünglich auf twitter, ich weiß ;-))

Liegt die Latte nicht etwas tief? Lotter: „Ich fürchte: nein.“

Als ob eine Branche, die ohnedies schon taumelt wie nicht gescheit, es noch nötig hätte, sich selber ein bisschen runter zu ziehen.

Aber gut, genau so stimmt: Schule ist, wenn am Ende mehr als einer verstanden hat, worum es geht. – Bei beidem setzen wir übrigens stillschweigend voraus, dass der Journalist bzw. Lehrer derjenige ist, der verstanden hat, worum es geht. Und setzen wir (mit noch weniger Gewissheit) voraus, dass es nicht die Absicht des Journalisten/Lehrers ist, unverständliche Dinge von sich zu geben (oder es selber nicht verstanden zu haben).

Aber stimmen wir Wolf Lotter einmal gedanklich zu und fragen wir uns: Warum ist das so, dass so schlecht geschrieben wird? Sind wirklich alle so dumm geworden durch das Internet und die moderne Welt im allgemeinen? Ist die kulturpessimistische Sichtweise die Richtige?

Ich behaupte: es wird schon was dran sein.

Aber was noch schwerer wiegt, ist der Faktor Einsparung und Bezahlung in der Medienbranche. Der Geschäftsdruck auf die Medien ist aus zwei Gründen mehr oder weniger unerträglich geworden: zum einen durch die Wirtschaftskrise (die ein gutes Beispiel dafür ist, was überhaupt keiner mehr so richtig versteht, Ansätze wie die von Heiner Flassbeck ausgenommen; Flassbeck machte etwa schon vor fast fünf Jahren klar, dass Deutschland eine große Schuld an der Krise in Griechenland trifft).

Beispiele für den extrem rauhen Wind, der Menschen entgegen schlägt, die Geschichten nachgehen und diese möglichst vielen anderen Menschen erzählen wollen, finden sich zuhauf. Zwei möchte ich hier erwähnen, weil sie große Medienhäuser betreffen, die mit dem Qualitätsanspruch argumentieren und auch noch immer recht gut davon leben: einen geharnischten Brief aus der Redaktion der Website freischreiber.de an den Die Zeit-Geschäftsführer. Und – etwas älter – die bittere Klage der mittlerweile meines Wissens Ex-Ö1-Journalistin Barbara Kaufmann über die Arbeitsbedingungen der Freien Mitarbeiter im ORF.

Ein Ausschnitt daraus:

„Irgendwann im ersten Jahr hab ich bemerkt: das geht sich nicht aus. Ich hab den Fehler selbstverständlich zuallererst bei mir gesucht. Vielleicht liegt es an der fehlenden Routine, dachte ich mir. Vielleicht war ich einfach zu langsam. Oder zu genau. Oder mein Anspruch war zu hoch. Aber es gab und gibt nun mal Qualitätsansprüche bei Ö1 und darunter zu produzieren geht nicht. Für niemanden. Sonst kommt der Beitrag nicht auf Sendung. Und man kann nicht 10 qualitativ hochwertige, ausrecherchierte Beiträge a 3 Interviews und 20 Stunden Literaturstudium Minimum pro Beitrag im Monat produzieren. Das müsste man aber, wenn man ca 3000 Euro brutto verdienen möchte. Man schafft höchstens 4. Und das auch nur, wenn man an Wochenenden arbeitet und in der Nacht. Da ist man dann am Monatsende bei 1200 Euro brutto. Und fertig. Erschöpft, ausgelaugt. Bereitet aber bereits die nächste Geschichte vor, liest sich ins übernächste Wissenschafts- oder Politthema ein. Oder steckt schon mitten in den Vorarbeiten für die kommende Sozialreportage.“

Und wer trägt außer der Wirtschaftskrise Schuld?

Man liegt nicht weit daneben, wenn man auf die Gratiskultur des Internets tippt. Diese hat nicht nur die News im Netz im wahrsten Sinn des Wortes wert-los gemacht (weil reine News irgendwann überall gleich und dann auch gleichZEITIG sein müssen), sondern die gesamte Struktur der Medienbranche auf den Kopf gestellt.

Jede Geschichte, die irgendwo erscheint, kann von jemand anders auf „seiner“ Plattform gebracht und könnte auch vermarktet werden, wenn es jemand zahlen würde. Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang ein aktuelles Interview von NÖN-Chefredakteur Harald Knabl im Branchenblatt Horizont. Lesenswert vor allem, weil es eben auch die regionale Dimension und deren Wirtschaftlichkeit gut erklärt.

Hier die wesentlichen Ausschnitte, die das Gratissegment generell und das Internet im besonderen betreffen:

HORIZONT: Niederösterreich war ja gerade in den letzten Jahren ein Gebiet, in dem immer mehr Player zu expandieren versuchen – gerade im Gratiswochenzeitungsmarkt. Bietet der niederösterreichische Medienmarkt noch Platz?

Knabl: Im Gegenteil. Wir sind jetzt schon überversorgt, und es gibt schon heute Produkte, die kein Mensch braucht. Diese machen aber den etablierten Playern das Leben schwer, weil sie eben auch Gelder abziehen. Diese regionale Tiefe in der Berichterstattung, die die Gratiswochenzeitungen trommeln, ist reiner Fake. Wenn man sich die Produkte durchblättert, merkt man schnell, dass hier alles andere als eine redaktionelle Nahversorgung geboten wird. Möglicherweise lässt sich der Leser durch den Trommelwirbel noch einige Zeit täuschen – aber irgendwann wird er draufkommen.

HORIZONT:
 Stichwort Digitalisierung. Wie sehr sind die regionalen Zeitungen davon betroffen? 

Knabl: Dazu etwas Grundsätzliches: Die Verleger haben in der Vergangenheit den Fehler gemacht, zu glauben, die nächste Druckmaschinenbestellung stornieren zu können, weil es ohnehin bald kein Papier mehr gibt. Weil man ­alles online machen kann und sich dadurch noch Kosten spart. Und um den Lesern Online schmackhaft zu machen und sie daran zu gewöhnen, haben die Medienhäuser ihre Inhalte verschenkt. Von dieser Situation sind wir nun aber nicht mehr weggekommen. Wenn ich etwa abends nach Hause fahre, kann ich mir die Nachrichten großer Qualitätszeitungen frei zugänglich online ansehen. Damit bin ich über das Wichtigste informiert, und ich frage mich, warum ich eigentlich am nächsten Morgen eine Zeitung kaufen soll. Diese Gratis-Un­kultur ist ein internationaler Trend und durchzieht fast alle Bereiche des Internets.

HORIZONT:
 Es gibt aber schon Medienhäuser, die online Geld verdienen.

Knabl: Wenn man ehrlich rechnet und alles berücksichtigt, dann halten dieser Kalkulation viele Portale nicht stand, die heute behaupten, bereits Gewinne zu schreiben. Wir selbst werden jedenfalls so wenig wie möglich unserer Kaufzeitungsinhalte online gratis hergeben. Wir setzen derzeit auf das Thema e-Paper. Online teasern wir einzelne Geschichte an und verweisen dann auf unser kostenpflichtiges e-Paper. Sicherlich werden die Einkünfte aus Online-Werbung noch steigen – aber das wird nie die Dimension von Print annehmen können.

HORIZONT:
 Gerade jetzt gibt es wieder einen Trend zu Paid Content. So hat Axel Springer kürzlich für Bild.de ein Bezahlmodell eingeführt.

Knabl: Von Seiten der Medien gibt es kuriose Versuche, für Online-Inhalte Geld zu verlangen. Vom Verkauf einzelner Artikel bis hin zu freiwilligen Modellen nach dem Motto „Wenn Du glaubst, dass dir der Artikel etwas wert ist, dann schick uns Geld.“ Das ist alles ratloses Herumstochern im Heuhaufen. Ich glaube nicht an den einzelnen Artikelverkauf. Das stellt uns vor irrsinnige Probleme bei den Abrechnungssystemen. Lediglich der Gesamtverkauf kann funktionieren – entweder als e-Paper oder als Portallösung, bei der dann Kosten anfallen, wenn man das lesen will.

Wenn jetzt jemand darauf wartet, dass ich die Lösung habe: leider nein.

Mit welchen Mitteln aber um die ohnedies durch ständiges Runterlizitieren bei den Preisen, die für Werbung gezahlt werden, sehr wackligen Einnahmen gekämpft wird, zeigt eine geradezu beängstigende Hintergrundgeschichte zum Thema „Blockieren von Werbeinhalten auf Internet-Plattformen“ –  für starke Mägen und Detailinteressierte!

250.000 Dollar Strafe für die Wahrheit

Die USA, das Land der unbegrenzten (Un-)möglichkeiten: NBA-Commissioner David Stern hat den San Antonio Spurs eine 250.000-Dollar-Strafe aufgebrummt, weil deren Managertrainer Gregg Popovich nicht gelogen hat.

Konkret: Popovich (jetzt nicht der große Sympathieträger, aber das ist ja hier egal) hat aktiv bekanntgegeben, dass er vier seiner Topstars (Tim Duncan, Tony Parker, Manu Ginobili und Danny Green) am Ende einer Auswärtsreise von 5 Spielen schonen wird, damit sie für das wichtige Spiel gegen Memphis daheim frisch sind.

Wie bitte?

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Hätte Popovich einfach geflunkert und gesagt, die Jungs sind verletzt, krank oder sonst was, wäre gar nichts passiert.

Natürlich, Popovich hat mit seiner offensiven Ansage provoziert und den Clash der Egos gegen Stern vom Zaun gebrochen. Aber was heißt das denn bitte schön für die Zukunft?

Müssen die Teams jetzt vor den Spielen dem Commissioner die Aufstellungen zur Genehmigung vorlegen?

Und wo gibt es eine halbwegs objektivierbare Grenze?

Auf europäische Fußballverhältnisse umgelegt wäre das etwa das Ende der viel gelobten Rotation – und die ist nicht erfunden worden, um möglichst viele Fußballer zu beschäftigen und zu bezahlen, sondern um dafür zu sorgen, dass die Schlüsselspieler das ganze Jahr durchhalten und die Ersatzspieler sich sowohl als Mitglieder der Mannschaft fühlen als auch im Ernstfall überhaupt sinnvoll spielen können.

Also, Mr. Stern: das war nichts!

Dylan-Fakezitate und die Folgen – DIE Sorgen möchten wir haben

Natürlich geht es nicht um IRGENDWEN. Immerhin ist es eine Buch über Bob Dylan, für das Zitate des Altmeisters abgewandelt, ergänzt und erfunden wurden, damit sie besser zur Geschichte passen. Und die erzählt der Journalist und Autor Jonah Lehrer in seinem Bestseller „Imagine: How Creativity Works“, um damit Geld zu verdienen.

Ich sag’s gleich: ich hab das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht tun. Ich finde es einerseits süß absurd, dass es ausgerechnet um Zitate von Bob Dylan geht; immerhin ist dieser einer der Meister des zur Bedeutungsschwere verkommenen grad zur Situation und zum Wetter passenden Nonsens, wenn es zu Fragen über zB seine Herkunft oder die Entstehung seiner Werke kam.

Lesetipp dazu unter „Freewheelin‘ – Bob Dylan, Jonah Lehrer and the Truth“ >> hier

Andererseits finde ich die Debatte über den jähen Absturz des Jungstars Lehrer viel spannender, der gerade von Wired zum renommierten New Yorker gewechselt war und dort nach Auffliegen des Fakes gleich den Job kündigen musste.

So findet sich auf der bundesdeutschen Media-Internetseite meedia.de unter anderem folgende Passage:

„Was für die Puristen ein Sündenfall, mag für Zyniker und Realisten eine lässliche Sünde sein. Der Spiegel bedient sich schon seit Jahren der schönen Technik der Rekonstruktion und schildert mit Vorliebe den Verlauf von Geheimtreffen, als hätte der Autor unter dem Tisch gesessen. Einigen Lesern nötigt so etwas Respekt ab, andere wundern sich.“ (gesamter Text >> hier)

An dieser Stelle könnte man jetzt mit gutem Recht sagen: Es kommt alles ein bisschen auf den Kontext, die Bedeutung und die Folgen an. Manchmal – so seh es zumindest ich – heiligt der Zweck die Mittel, wenn es nämlich Wurscht ist, ob es GANZ GENAU so war. Noch besser ist im Zweifelsfall, das auch die Leser irgendwo unaufdringlich wissen zu lassen mit Sätzen wie: „So oder so ähnlich hat es sich wohl zugetragen“.

Aber es geht weiter – und jetzt wird’s spannend:

„Was auch immer nun über den Status Quo des US-Journalismus geschrieben wird – journalistische Standards werden in den großen US-Medien sehr genau beachtet, gleichzeitig funktionieren die Selbstreinigungskräfte des medialen Betriebs besser als in Deutschland. Dafür sorgt allein die Trennung zwischen „Editor“ (Tischredakteur, der nicht selber schreibt, sondern ausschließlich Themen verteilt und Texte redigiert) und Reporter. Wer einmal bei einer US-Zeitung gearbeitet hat weiß, dass in den Redaktionen viele Fakten, die in deutschen Artikeln gerne mal so dahingeschleudert werden, im Text – und nicht nur gegenüber dem Ressortleiter – belegt werden müssen. Gern auch mal mit einer Nachkommastelle der Standardabweichung von einem Umfrageergebnis.“

So – und DAS stellen wir uns jetzt mal in den Zeitungs- und Internetredaktionen dieses Landes vor. Dort, wo der „Tischredakteur“ entweder schon mal der Einzige ist, der überhaupt da ist, oder selber nebenher Kommentare schreibt und Material verwaltet („redigiert“ ist so ein Wort …) – oder wo es ihn schlicht und einfach nicht gibt.

Im meedia-Text kommt dann noch ein „Public Editor“ vor, „der sich unabhängig von Redaktionszwängen zu internen Angelegenheiten äußern kann, wenn es denn sinnvoll erscheint. Die Meinungsseite (Op-Ed) wird in der Regel von einem eigenen Team mit eigener Leitung betreut, gegenüber dem der Chefredakteur nicht weisungsbefugt ist.“

Lieb.

Bitte mich jetzt richtig verstehen: ich bin absolut für vor allem sinnrichtiges Zitieren und Beschreiben und ich bin auch für ein klares Erkennbarmachen von Fakten, Ausschmückung und klarer Meinung (das muss allerdings meiner Ansicht nach nicht unbedingt in streng getrennten Behältern erfolgen!)

Aber der Journalismus im deutschsprachigen Raum (und auch im Großteil der USA, nebstbei) hat ganz andere Sorgen als ungenaues Zitieren, das niemandem schadet.

Hierzulande geht es für Journalisten darum, mit der Arbeit überhaupt fertig zu werden. Hierzulande geht es darum, ordentliche Arbeitsbedingungen zu schaffen und aufrecht zu erhalten.

Und NICHT NUR HIERZULANDE geht es darum, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass nicht alles gratis sein kann, wenn jemand damit Geld verdienen MUSS, um das Werkel am Laufen zu halten.

Und mit gratis oder fast gratis meine ich die im Internet beheimatete, aber schon ordentlich überschwappende (Un)Kultur, die nicht nur Inhalte gratis anbietet (und damit Print vom Ansatz her kannibalisiert), sondern auch – via ins teils Bodenlose hinunterlizitierte Schaltungspreise für Werbungen – deren Verpackungen und Rahmen.

Da kann der Dylan gesagt haben, was er will. Wird ihm egal sein.