Fortpflanzung – alles ganz normal?

Markus Hengstschläger zur Fortpflanzungsdebatte

Markus Hengstschläger verteidigt den Entwurf – aber es gibt auch dagegen Argumente.

Was die geplante Novelle zum IVF-Gesetz mit dem Leben von Prostituierten zu tun hat.

„Erleichterung für künstliche Befruchtung: Experte lobt, Kirche dagegen“ – so einfach wie eine Zusammenfassung auf nachrichten.at kann das Leben manchmal sein. Oder doch nicht?

Neu erlaubt sollen – so die Novelle mit einer an schwarz-blaue Zeiten gemahnenden Kürzestbegutachtungsfrist bis 1.12. – sein:

Samenspende: Lesbischen und heterosexuellen Paaren soll die Erfüllung eines Kinderwunsches durch eine Samenspende und eine Befruchtung im Reagenzglas ermöglicht werden. Bisher war das nur erlaubt, wenn der Samen direkt in die Gebärmutter der Frau eingebracht wurde.
Eizellspende: Die Empfängerin darf nicht älter als 45, die Spenderin nicht älter als 30 Jahre sein. Die Kinder bekommen das Recht, ab 14 den Namen des Spenders zu erfahren. Das Spenden von Samen- und Eizellen darf nicht kommerziell genützt werden.
Präimplantationsdiagnostik: ein Embryo darf vor Einpflanzung in die Gebärmutter untersucht werden nach drei oder mehr erfolglosen IVF-Zyklen, drei Fehlgeburten und wenn aufgrund der genetischen Veranlagung zumindest eines Elternteils die Gefahr besteht, dass es zu einer Fehlgeburt oder schweren Erbkrankheit des Kindes kommt.

Nicht erlaubt bleiben IVF bei alleinstehenden Frauen und das sogenannte Social Freezing – das Einfrieren von Eizellen für spätere Befruchtung (meistens im Zusammenhang mit Karrieregründen)

Doch was sagt einer der wichtigsten Betreiber dazu und was kann man ihm entgegen halten?

Naturgemäß brach in der digitalen und medialen Öffentlichkeit ein Hin-und-Her los. Die Extrempunkte lieferten Homosexuellen-Initiative auf der einen und der römisch-katholische Familienbischof Klaus Küng auf der anderen Seite, sprich: schrecklicher Dammbruch für den Bischof und zu kurz gegriffen für die Homosexuellenvertreter (nach ihnen wäre es nur logisch gewesen, allein stehenden Frauen ebenfalls IVF zu ermöglichen).

Ich möchte mich hier nicht mit diesen einzelnen Argumenten auseinander setzen – die sind zum Teil ohnedies sonnenklar oder jede und jeder kann sie nachlesen.

Ich finde die Stellungnahme und Vertiefung des führenden Experten bei der Novelle, Prof. Markus Hengstschläger, am interessantesten und werde mir dazu einige Anmerkungen erlauben – und dann noch eine kleine Parallele ziehen.

Professor Hengstschläger argumentierte in einem Kurier-Interview aufs Wesentliche reduziert so:

1) Österreich zieht lediglich anderen Ländern nach.

2) Die derzeitige Situation in Österreich ist ethisch nicht vertretbar, da wir „es uns nicht leisten (können), einen Embryo, der nicht lebensfähig ist, in eine Gebärmutter einzusetzen, und einer Frau, die dadurch mehrere erfolglose IVF-Zyklen und damit hohe physische, psychische und auch ökonomische Belastungen aushalten muss, zu sagen: Ja, leider, aus ethischen Gründen dürfen wir den Embryo nicht auf seine Lebensfähigkeit untersuchen. Und wir können es uns ethisch auch nicht leisten, Paaren zu sagen: Wenn Sie Geld haben, fahren Sie ins Ausland, wenn Sie keines haben, dann haben Sie Pech gehabt. Wir können auch nicht die PID verbieten und den Spätabbruch erlauben.“

3) Die biologische Elternschaft wird überschätzt, das Ganze ist eine gesellschaftspolitische Debatte: “ Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle. Wichtig sind die unmittelbaren Bezugspersonen.“ Und: Es „ist eine gesellschaftspolitische Debatte: Möchte ich, dass Kinder zu Beginn ihres Lebens zumindest die Chance auf zwei Elternteile haben? Das ist eine Frage des Familienbegriffs. Biologisch gesehen gäbe es natürlich kein Problem. Das Einfrieren von Eizellen für späteren Kinderwunsch führt hingegen von der Medizin weg in Richtung medizinische Dienstleistung.“

Meine Antworten dazu:

Zu Punkt 1) – Östereich zieht nur nach:
So what? Man muss ja nicht Zwentendorf bemühen und dass Österreich da auch seinen eigenen Weg gegangen ist und wir alle weiter leben (von Fukushima, Tschernobyl etc. reden wir jetzt gar nicht). „It’s the economy, stupid“, hat Bill Clinton gesagt – und was in der Wirtschaft passiert, wenn immer nachgezogen wird, sehen wir bei Steuerdumping (Stichwort Gruppenbesteuerung), Lohn- und Sozialdumping etc. grad eindrucksvoll.

Für mich ist das einfach kein Argument.

Ja, Menschen müssen dann weiter ins Ausland fahren, wenn sie das wollen. Und? Ich meine, man muss das eben nicht wollen und ein Staat kann das durchaus klar kund tun.
Auch der gern gebrachte Hinweis auf die in Österreich (wahrscheinlich, vielleicht) bessere Qualität fällt da hinein: erstens unsicher, zweitens so what, drittens haben wir es hoffentlich nicht so weit gebracht, den östereichseitigen Überhang des IVF-Tourismus gesamtwirtschaftlich zu brauchen.

Zu Punkt 2) – Die derzeitige Situation ist ethisch nicht vertretbar, also müssen wir sie ändern:
Ja, gut möglich und gut dargestellt. Aber wer sagt, dass die Änderung in DIESE Richtung gehen muss? Man könnte genau so gut die IVF generell wieder einstellen und den Spätabbruch sowieso. Zum Ausland habe ich unter Punkt 1 schon geschrieben, was zu schreiben war.

Zu Punkt 3) – Es ist eine gesellschaftspolitische Debatte und biologische Elternschaft wird überschätzt.
Ja, es ist eine gesellschaftspolitische Debatte. Die (medizinische, aber auch die generelle) Wissenschaft zieht sich dann ganz gern auf den Standpunkt zurück: Wir liefern euch nur die Erkenntnisse – ihr tut damit, was ihr wollt.
Das ist – nicht erst seit und nicht endend bei der Entwicklung der Atombombe – eine ganz schwierige Situation.

Aber noch mal: ja, es ist eine gesellschaftspolitische Sache und eine des Familienbegriffs. Und wohin sich der faktisch zu bewegen scheint, sehen wir auch alle: Patchwork, Auflösung, Freiheit, Lebensabschnitte – mit allen Konsequenzen in alle Richtungen (auch positive)

Und, aber: Ich bin zwar kein hochdekorierter Humangenetiker, aber auch kein Depp und würde mir nie im Leben einen Satz zutrauen wie: „Zehn Prozent aller Kinder sind nicht von dem Vater, von dem sie glauben, es zu sein. Aber für ihre Entwicklung spielt das keine Rolle.“

Es gibt schlicht nichts, das für die Entwicklung eines Kindes keine Rolle spielt – und man muss sich nicht mal extrem mit Familiensystemen befassen, um etwa zu wissen, welche Auswirkungen sogar ein vergessener, verdrängter Onkel etc. auf ein Familiensystem und auf das konkrete Leben jedes Menschen haben kann.

Diese Aussage ist einfach fahrlässig.

 

Der weite Querpass zur Prostitution

Zum Abschluss – sorry für die Länge – ein Querpass zu einem weit entfernt scheinenden Thema. Kürzlich geriet ich auf facebook in eine Diskussion zum Thema Prostitution. Diese speiste sich aus zwei Links:

Einem Video, das zeigt, wie normal das Leben einer Sexarbeiterin abläuft und einer Umfrage des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., was man sagen würde, wenn man jemanden kennen lernt, der sich prostituiert. 

Der Kern der beiden Debatten war: ist Prostitution nicht eine Arbeit wie jede andere und ist es nicht besser als im Supermarkt an der Kasse zu sitzen? Und ist das normale Leben nicht eben einfach so wie gezeigt (Kaffee aus 2 Löffeln Zucker, zwei Löffeln Instant-Pulver mit heißem Wasser, zu spät in die Arbeit, dort den ganzen Tag dazwischen TV schauen und in Reisebürokatalogen blättern)?

Ich meine natürlich wenig überraschend: Nein, ist nicht dasselbe.

Zum einen, weil sexuelle körperliche Vereinigung doch etwas anderes ist als Kassieren im Supermarkt. So gefühlt generell und – und hier schließt sich der Kreis zur IVF-Debatte – weil körperliche Vereinigung (Geschlechtsverkehr) schon der Weg ist, wie wir Leben auf der Erde weiter geben. Und das alles mit einem absoluten „Ist ja egal, und wir leben alle auf einem Markt“ abzutun – das finde ich einfach sehr, sehr traurig.

Das Leben hat uns und wir haben dem Leben mehr zu bieten.

 

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One Response to Fortpflanzung – alles ganz normal?

  1. bri. says:

    2014/11/20

    Sehr, sehr traurig – ja! Nicht ganz so traurig, oder vielleicht überhaupt nicht traurig, wenn man auf das sieht, was dahinter steht – ganz am Anfang: der Wunsch nach einem Kind!

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